Der DGB-Vorsitzende Vetter hat Regierung und Wirtschaft gemahnt, die Gewerkschaftsführung nicht in Bedrängnis zu bringen.

Wer da sagt, Heinz Oskar Vetter habe einen Hilferuf losgelassen, der macht sich die Sache zu leicht. Natürlich hat der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) darum geworben, die Arbeitnehmerorganisation in dieser schwierigen Situation nicht im Stich zu lassen. Da sind die Benzin- und Heizölpreise kräftig gestiegen, da schnellte die Inflationsrate auf die seit drei Jahren nicht mehr erreichte Höhe von viereinhalb Prozent, da rumort es hier und da in den Betrieben, werden Forderungen nach einem Lohnnachschlag laut.

Doch allen Anfechtungen einer Popularitätshascherei zum Trotz wollen die Gewerkschaftsführer stillhalten, keine Forderungen vor der neuen Lohnrunde im nächsten Jahr erheben. Da ist Vetters Bitte verständlich, ihnen das Leben nicht noch schwerer zu machen.

Wer das Interview des DGB-Vorsitzenden in der Rheinischen Post genau liest, wird jedoch feststellen, daß Vetter über den Tellerrand hinausblickt. Er hat die in den Gewerkschaften seit längerer Zeit wieder virulente Diskussion um das Selbstverständnis der Gewerkschaften und ihre Stellung in der Gesellschaft in die Öffentlichkeit getragen.

Ihn plagt offensichtlich die Sorge um die Zukunft der Arbeitnehmerorganisation. Ihn bewegt die Frage, welchen Weg die Gewerkschaften gehen werden Mitte der achtziger Jahre, wenn eine neue Generation an der Spitze steht. Nachdem mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts erst einmal ein Strich unter die Auseinandersetzung um die Mitbestimmung gezogen ist, scheint Vetter wohl die Zeit gekommen, die Weichen für die achtziger Jahre zu stellen.

Noch ist es fragmentarisch, was der DGB-Vorsitzende dazu gesagt hat. Aber er nannte drei Dinge, die den Weg der Gewerkschaften bestimmen werden:

Erstens. Die Gewerkschaften werden mit jeder demokratisch gewählten Regierung zusammenarbeiten, die auch demokratisch handelt. Das ist scheinbar eine Banalität, jedoch eine klare Absage an parteipolitische Bindungen der Arbeitnehmerorganisation.