Hier folgt die Auseinandersetzung mit einem Artikel im stern Heft 30: „Verfassungsschutz – Die Gabel des Herrn Galle.“ Ich hatte, selbstverständlich, dem stern meinen Artikel angeboten; ich wollte ja nicht hinter seinem Rücken schelten. Aber mein Freund Victor Schuller, Stellvertreter Henri Nannens, meinte, der stern brauche sich keine „Ohrfeige“ verpassen zu lassen. Mein Einwand: Es geht hier nicht um Ohrfeigen und Journalistenkrach, sondern um eine für die Gesellschaft wichtige Frage, bei der – notfalls auch in hartem Streitgespräch – die Wahrheit gefunden werden muß. Im Dienste der Wahrheit kann der stern, der alte Löwe Henri Nannen voran, ja nun gewiß zuhauen. Zu aller Freude!

Journalisten klagen oft, daß Verleger sie zensieren. Hier jedenfalls zensierte der Journalist einen Verleger.

Als am 16. März 1978 Aldo Moro von Terroristen entführt und am 9. Mai 1978 ermordet wurde, kam die große Stunde der „Sicurezza“ (des italienischen Amtes für Verfassungsschutz) – wäre sie nicht vorher zerstört worden. Zwanzig Jahre lang hatten linke Blätter auf die Sicurezza geschossen; die Parteien, die Christdemokraten eingeschlossen, hatten geschwiegen, Systematisch wurden Organisation und Methoden der Sicurezza der Öffentlichkeit verraten, bevorstehende Aktivitäten des Amtes bekanntgegeben, Pannen breitgetreten, die Namen von geheimen Mitarbeitern veröffentlicht. Nur sieben leitende Beamte standen im Frühjahr 1978 zur Rettung Aldo Moros und zur Verfolgung der Täter bereit; 50 hätten es sein müssen. Die anderen waren vor den pausenlosen Angriffen zur allgemeinen Polizei oder zur Verwaltung gewichen. Ausländische Geheimdienste wußten mehr über die terroristische „Szene“ als das Wrack der Sicurezza.

So weit sind wir keineswegs, aber man soll den Anfängen wehren. Die Presse hält sich für berechtigt, Namen- und Tarnnamen von Beamten des Verfassungsschutzes zu drucken. Sie weiß: Der ist damit für seine Aufgabe endgültig erledigt – „verbrannt“, sagt die Fachsprache; auch, daß Überwachung und Kontrolle terroristischer Aktionen erschwert werden. Ihre Rechtfertigung: Geheimdienste sind eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft; so wie sie arbeiten, schaden sie mehr als die Terroristen und Spione. Die so sprechen, sind aufrechte Demokraten; sie billigen Terrorismus und Verrat nicht. Im Kampf um die Freiheit der Bürger hat der stern besondere Verdienste. Eben deshalb muß man seiner Attacke gegen das Bremer Landesamt für Verfassungsschutz widersprechen.

Die Gewerkschaften erregen sich begreiflicherweise über den Bericht des stern‚ daß „unter dem Vorwand Kampf gegen den Linksextremismus“ seit „über einem Jahrzehnt alle Kandidaten der (Betriebsrats-)Wahlen überprüft“ worden seien, beispielsweise Krupp-Werft AG Weser, Siemens, Vereinigte Flugtechnische Werke, Vulkan-Werft; aber auch Radio Bremen und Weser-Kurier.

Was ist da geschehen? Zunächst: Für die Überwachung von Medien (Radio Bremen und Weser-Kurier) gibt es keinen Anhaltspunkt – außer der Aussage eines unbekannten Informanten. Und: Kandidaten sind nicht überprüft worden.

Sodann: Der Bundesminister des Inneren berichtet jedes Jahr öffentlich über Arbeit, Erfolge und Mißerfolge des Verfassungsschutzes. Der Bericht 1977 schildert unter „IV. Orthodoxe Kommunisten, Ziff. 3 Betriebsarbeit“ genau, wieweit die DKP in die Betriebe und die Betriebsräte eindringen konnte. Seite 81: „Der DKP ist es trotz erheblicher Bemühungen auch 1977 nicht gelungen, ihre Basis in den Betrieben zu erweitern ... Von den rund 200 000 im Jahr 1975 gewählten Betriebsratsmitgliedern sind nur rund 800 (0,4 Prozent) DKP-Anhänger.“ In den 1240 Industriebetrieben mit über 1000 Beschäftigten sei dieser Anteil etwa zwei Prozent. „In 22 Großbetrieben mit insgesamt 494 Betriebsratsmitgliedern waren insgesamt 107 (= 21,7 Prozent)... Anhänger der DKP oder anderer linksextremistischer Organisationen.“