Hamburg

Carl Malsch, Senior der Evangelisch-Lutherischen Kirche und Hauptpastor in St. Petri, hatte damals zu den Besetzern seiner Kirche im Zentrum Hamburgs gesagt: „Es ist kein Unglück, daß Sie hier sind; aber es ist auch kein Glück.“

Ein Vierteljahr nach dieser Kirchenbesetzung, in der während der ersten Aprilwochen junge Leute in St. Petri gegen die Kernkraft protestier ten, haben die Kirchenoberen wenig Weitsicht bewiesen. Sie erteilten zehn ihrer Pastoren einen Verweis, weil sie „aktiv“ an dieser Besetzung teilgenommen hätten.

Damals waren in der St.-Petri-Kirche Gruppen der sogenannten „Alternativ-Szene“ aufgetreten, die zur „Befreiung“ des Kernkraftgegners Helmut Oldefest aufgefordert hatten. Oldefest bewegte sich damals in der Kirche frei, obwohl ihn die Polizei suchte. Der befürchtete Krawall blieb aus. St. Petri blieb trotz einiger Hunde, die am Altar näßten, weitgehend unbeschädigt, die Kirchenbesetzer zogen wieder ab.

Manfred Brockmann, einer der zehn Pastoren, die an der Besetzung teilgenommen hatten, fühlt sich durch den Verweis „erheblich verunsichert“. Er erklärt: „Es ist nicht so, daß ich alles billige, was damals in der Kirche geschah. Die Kirche muß eine Ordnung haben. Aber sie muß auch erkennen, daß in der Geschichte des Glaubens Dinge passieren, die ausbrechen können aus dieser Ordnung. Wir Pastoren haben doch die Kirche nicht besetzt. Wir sind nur da gewesen als engagierte und betroffene Menschen. Es war damals in St. Petri soviel Religion dabei, daß ich Angst habe, wenn diese Herausforderung nun in die Hände von Juristen fällt.“

Nach Auffassung der Kirchenleitung war die Teilnahme der Pastoren an dieser Besetzung aber ein „rechtswidriges Verhalten“. Der „Verweis“ ist dabei die zweithärteste Form des sogenannten Amtszuchtgesetzes. Davor steht die „Warnung“, dahinter die „Geldbuße“.

Der Verweis zieht nicht die Gefahr einer Entlassung nach sich; aber er kommt in die Personalakte der Pastoren.