Nun gibt es auch im Auto nicht mehr die „kleine“ Freiheit vom Sozialismus

Von Christian Schmidt-Hauer

Ohne eine neue Tankfüllung kehrte der rumänische Staats- und Parteichef Ceausescu am 1. August von seiner knapp eintägigen Krim-Visite bei Leonid Breschnjew zurück. Am Flughafen Simferopol war er vom ersten Sekretär des Regionalkomitees Krim der ukrainischen KP, Makarenko, verabschiedet worden. Das ist ein Rang gerade noch über dem Flughafendirektor, zumindest nach den Maßstäben des byzantinischen Kreml-Protokolls. Zuvor hatte der sowjetische Parteichef den Rumänen mit der griesgrämigsten Laudatio abgefertigt, die bei der Verleihung eines Leninordens wohl jemals zu hören war. „Wir streben beharrlich danach“, rüffelte Breschnjew, „daß die sowjetisch-rumänischen Beziehungen, die durch ihren Inhalt vielfältig sind, entschieden... der ständigen Festigung der sozialistischen Gemeinschaft dienen,“

Als diese Worte fielen, machten sich rumänische Tankwarte gerade an eine der letzten, mühsam aufrechterhaltenen Säulen der sozialistischen Gemeinschaft: an die Zapfsäule. Rund hunderttausend Urlauber aus den sozialistischen Nachbarländern mußten zum erstenmal jene Hoheitspolitik ausbaden, die der rumänische Diktator seinen Landsleuten schon seit einem Jahrzehnt zumutet: Souveränität ohne Rücksicht auf Humanität. Zumeist in Deutsch, dem Leit-Idiom des Balkan-Tourismus, bekamen die Reisenden mit Zlotys, Kronen, Ost-Mark, Forints und sogar Dinaren von rumänischen Zöllnern zu hören, was sie bisher nur aus den eigenen Devisenläden kannten: „Geld nix gutt!“ Von dieser Binsenweisheit war der Benzinerwerb im Intra-Block-Verkehr bisher noch ausgenommen, weil die Sowjetunion den Bruderländern etwa 80 Prozent ihres Erdöls unter dem Weltmarktpreis und gegen Transfer-Rubel liefert. Nur Rumänien, das die Hälfte seines Erdölbedarfes selbst fördert, bekommt keinen Tropfen.

Auf der Tagung des östlichen Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) hatte Moskau jüngst die Forderungen Bukarests nach vergünstigten Öllieferungen strikt abgelehnt. Die am 1. August in Kraft getretene Verordnung der rumänischen Regierung, wonach Kraftstoff an Ausländer nur noch gegen Devisengutscheine abgegeben wird, ist eine direkte Antwort auf das sowjetische Njet. Die Maßnahme wurde von Rumäniens ökonomischer Notlage diktiert, aber gleichzeitig so gezielt exekutiert, daß der Putz von der brüchigen Wirtschaftsgemeinschaft bröckelte.

Der Vorwurf der Bruderländer, Rumänien sei „vertragsbrüchig“, läßt sich nicht halten: Bukarest hat keine Meistbegünstigungsklauseln unterschrieben und auch keine Verpflichtungen, Benzin nur in Ost-Währungen abzugeben. Es gehört zu Ceausescus Stil des kalkulierten Risikos, Aktionen gegen die sowjetische Hegemonie stets in mehreren Etappen vorauszuplanen. So ist es bezeichnend, daß die rumänischen Behörden zunächst die Falle demonstrativ zuschnappen ließen und erst dann eine Gnadenfrist bis zu diesem Freitag einräumten. So lange dürfen die Osttouristen ihr Flucht-Benzin nun doch noch in der Landeswährung Lei bezahlen.

Rumäniens Entschluß, den sozialistischen Nachbarn kein Lei(h)-Benzin mehr zu gewähren, dokumentiert vor aller Welt, daß die Rohstoffkrise nicht nur mit Inflationen über die östliche Wirtschaftsgemeinschaft hereingebrochen ist. Durch die Energieverknappung drohen auch Emotionen, Friktionen und weitere Rationierungen, die der sowjetischen Beschwichtigungstherapie der siebziger Jahre – Entpolitisierung durch Wohlstand ein abruptes Ende setzen. So, wie für die Cadillac-Fahrer an den leeren Tankstellen des amerikanischen Westens eine Welt zusammenbrach, so führte der rumänische Benzinstau den Kleinbesitzern der Ladas, Wartburgs und Skodas vor Augen, daß im Auto nicht länger die kleine Freiheit vom Sozialismus zu finden ist