Nein, nichts kann meine Verehrung für Heinrich Böll erschüttern. Nicht einmal dieser Roman. Es ist, um es gleich zu sagen, ein schwaches und fragwürdiges, streckenweise ein geradezu fatales Buch. Mein Gott, was habe ich in diesen Tagen durchgemacht, was habe ich gelitten!

Marcel Reich-Ranicki in einem Verriß’ des neuen Böll-Romans fürsorgliche Belagerung“, „Frankfurter Allgemeine“, 4. August 1979 – Titel der Rezension“: „Nette Kapitalisten, und nette Terroristen“

... da hatte ich schon längst den Eindruck gewonnen, daß Böll seinen Kampf gegen den „Pornodreck“, „die gar nicht so makellosen Brüste der vierten Frau Bleibl“, „den flotten progressiven Pornotyp“, „schlüpfrige Witze“, „Obszönitäten“, „lesbisches Getuttel“, „die frivole Porno-Tour“, „vulgäre populäre Ausdrücke“, „das alberne Titten-Getue“, „Promiskuität und Prostitution“, „Nutten“, „vollbusige Weiber“, „Fummel-Spießer“, „Sex-Pumps“, „geiles Gekicher in den Kabinen“, „Reisenutten“, „Konsumnutten“, „gemeine kleine Biester“ usw.: daß er diesen Kampf auf eine bedrückende, gespenstische, zutiefst deprimierende Art verloren hat. Denn was da, wider den eigenen Wunsch und Willen, sprachlich (und gedanklich) als Alternative zu einer Semantik der Inhumanität angeboten wird, ist jenes unausgelüftete, pseudopoetische, unwahre, um den heißen Brei herumschweifende Gelabber, das in den Kirchen aufliegt. Verklemmt und verbiestert; nicht frei, offen und herzlich.

Wolfram Schütte in einem Verriß des neuen Böl-Romans „Fürsorgliche Belagerung“, „Frankfurter Rundschau“, 4. August 1979 – Titel der Rezension: „Lauter nette Menschen“

Lehrer-Ängste vor dem Ruhrpott

Deutschlands Lehrer-Nachwuchs ist wählerisch, gerade so, als gäbe es keine Lehrerarbeitslosigkeit, sondern Lehrermangel. Die Jung-Pädagogen, eben den Hochschulen entschlüpft, nehmen nicht jede Stelle an und schon gar nicht an jedem Ort. Über die Hälfte der Nachwuchslehrer, die zu Schuljahrsbeginn in Nordrhein-Westfalen in den Städten Gelsenkirchen, Bottrop und Gladbeck ihren Dienst antreten sollten, erschienen, nicht. Sie hatten es abgelehnt, in den Ruhrgebietsstädten zu arbeiten. Viele von ihnen ziehen es vor, 12 Monate – oder noch länger – auf eine Anstellung in einer Universitätsstadt zu warten als an einer der Grund- und Hauptschulen (oft mit einem hohen Anteil Ausländerkinder) in den Arbeiterstädten zu unterrichten. Angesichts dieses Verhaltens kann die Lehrerarbeitslosigkeit nicht so katastrophal sein, wie sie oft und gerne von den Lehrerverbänden und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) dargestellt wird. Aber vielleicht ergreifen ja die 1800 Junglehrer, denen zum 31. Juli in Baden-Württemberg gekündigt wurde, die Chance und bewerben sich um die freien Lehrerstellen im Ruhrgebiet. Den Kindern von Bottrop, Gelsenkirchen und Gladbeck würden sie helfen, weil die immer noch in zu großen Klassen unterrichtet werden. „Aktion kleine Klassen“ heißt eine löbliche Kampagne der GEW. Gilt das nur für Universitätsstädte und schöne ländliche Gegenden?

Abschied von Marcuse

Herbert Marcuses Frau Erica und sein Sohn Peter schrieben nach der Beisetzung des Philosophen bei Starnberg in einem Brief an Rudi Dutschke: „Die Tatsache, daß Herbert, der sowohl Deutscher als auch Jude war und sich so und nicht anders verstand, aus Deutschland herausgejagt wor-, den ist, wird in der gegenwärtigen deutschen Öffentlichkeit oft unterschlagen. Ihm und uns ist es nie unwichtig gewesen, Jude zu sein. Darum haben wir bei seiner Todesfeier auch Kaddisch – die traditionelle jüdische Todesklage – gesprochen. Nicht der jüdischen Religion, sondern der jüdischen Tradition wegen und zwar in einem ganz bestimmten Sinn. Herberts Verhältnis zu dieser Tradition wäre nicht treffender auszudrücken als durch die Worte Max Horkheimers, die er 1939 niederschrieb: „Die Weigerung, ein Endliches zum Unendlichen zu machen“, „die Respektlosigkeit vor einem Seienden, das sich zum Gott aufspreizt“ und der ständige Versuch, das „Leben an die Vorbereitung zum Besseren zu wenden“. Du hattest mit ihm, wie wir wissen, ein sehr nahes persönliches und politisches Verhältnis, auch wenn Ihr im einzelnen nicht immer einer Meinung gewesen seid. Was er bei Dir so sehr geschätzt hat, war zweierlei. Daß Du genauso wie er die weiterdenkende Theorie unabdingbar hältst für eine emanzipatorische sozialistische Praxis und Dein Verständnis, daß allein schon Anständigkeit wie Menschlichkeit verlangen, jetzt wie immer weiterzumachen. Herbert ist tot. Wir können und wollen nicht für ihn sprechen. Wir wissen auch, daß weder Du noch andere es können. Dennoch bitten wir Dich um Deinen Rat, wie man unter den gegenwärtigen politischen Umständen, in diesem Deutschland seinem Vermächtnis am besten treu bleiben könnte.“