Von Rudolf Walter Leonhardt

London, im August

Merkt der Besucher es einem Land eigentlich an, wenn dort die Regierung gewechselt hat? Die Antwort heißt vermutlich: im Iran und in ähnlichen Ländern sicher; in England und ähnlichen Ländern (falls es ähnliche Länder gibt) kaum.

Die British-Airways-Maschine flog wie zu schlimmsten Labour-Zeiten mit drei Stunden Verspätung ab, diesmal nicht, weil die Piloten oder das Bodenpersonal streikten, sondern weil ein Düsenaggregat sich nicht starten ließ. Heathrow Airport präsentierte sich dem Besucher so wenig einladend wie immer. Das Taxi war wieder um fast ein Pfund teurer geworden, aber der Reisende lernte bald, daß der Flughafen einer der privilegierten Orte ist, wo überhaupt noch relativ mühelos ein Taxi zu bekommen ist. In London streikten die Taxis zwar nicht, aber sie nahmen auch nur ungern Passagiere auf. Ohne ihr erleuchtetes "For Hire"-Zeichen fuhren sie einsam durch die Gegend. Auch die Zollbeamten streikten nicht. Sie arbeiteten nur "nach den Regeln", was die Abfertigung einigermaßen verzögert, und sie ließen verlautbaren, sie hätten auf diese Weise mehr Leute beim Schmuggeln erwischt als je zuvor. Sonderbare Sympathiewerbung.

An den Tankstellen stand "Geschlossen" oder "Nicht mehr als für drei Pfund Benzin" oder "Benzin nur für .Stammkunden", und dabei hatte es doch geheißen, England könne inzwischen seinen Erdölbedarf beinahe aus Eigenem decken. Die Inflationsrate steigt; die Arbeitslosenzahlen steigen; und daß das Pfund an den Devisenbörsen so viel wert ist wie schon lange nicht mehr, freut auch niemanden so recht, Das Pfund Sterling kann offenbar machen, was es will: Steigt es oder fällt es, immer ist es eine Katastrophe.

Was also meint Franz Josef Strauß, wenn er sagt: "Ich bin der deutsche Thatcher?" Doch wohl nicht, daß er die Dinge weitertreiben ließe, so wie sie in England weiterzut reiben scheinen, als hätte nie ein Regierungswechsel stattgefunden. Aber treiben die englischen Dinge wirklich weiter wie gehabt? Ist nicht die durch Kennedy und Wilson prominent gewordene Meßzahl "100 Tage" ein wenig töricht und ziemlich unfair? Was denn konnte die neue, die erste Regierungschefin Großbritanniens tun, um ihre Wahlversprechen wahr zu machen, um neue, den Leistungswillen fördernde, das Lebensgefühl steigernde Verhältnisse zu schaffen, wo doch bekanntlich die Verhältnisse immer nicht "so" sind? Gesetze und Gewohnheiten schränken den Spielraum jeder Regierung ein; und je "demokratischer" eine Regierung ist, desto weniger Spielraum. hat sie – wodurch sich eben zum Beispiel der erwähnte Unterschied zwischen Großbritannien und dem Iran erklärt.

Also hat sich England nach hundert Tagen Tories nun verändert oder nicht? Die Frage läßt sich sicher nicht so pauschal beantworten, wie sie gestellt wird. Ich möchte Beobachtungen von drei verschiedenen Schauplätzen beitragen.