Franz Josef Strauß kann nicht daran interessiert sein, seinen Kampf um die Kanzlerschaft 1980 mit einer Kampagne gegen den – reformierten – Paragraphen 218 zu führen, Er würde damit mehr Wählerstimmen, vor allem weibliche, verlieren als gewinnen. Das Geschrei, an geführt von dem Münchner Internisten und Vorsitzenden des gesundheitspolitischen Arbeitskreises der CSU, Hartwig Holzgartner, läßt deshalb eher auf irrationale Motive schließen. Doch sind sie darum noch nicht ehrenwert. Originalton Holzgartner: „Die Nationalsozialisten haben die Juden getötet, und die internationalen Sozialisten toten ungeborenes Leben. Das, was in unserem Volke passiert, ist exakt der Weg nach Auschwitz.“

Es genügt nicht, die Niedertracht dieser Worte zu beklagen. Man muß allen, auch den katholischen Kirchenfürsten, die den legalen Schwangerschaftsabbruch in Verbindung mit dem Begriff, „Mord“ und gar mit staatlich befohlenem oder geduldetem Massenmord bringen, einmal deutlich sagen, daß sie Heuchler im biblischen Sinne des Wortes sind.

Wo war denn die katholische Kirche, als der Weg nach Auschwitz eingeschlagen wurde, als wirklich gemordet wurde? Und wo blieb ihr Protest, als jüdische Mütter von Staats wegen ihre Kinder abtreiben durften oder mußten, wo doch während der NS-Herrschaft die Abtreibung als besonders schweres Verbrechen galt? Sowohl die Frau als auch der Arzt, der ihr bei der Abtreibung half, mußten mit drakonischen Strafen rechnen; Hebammen wurden sogar hingerichtet.

Abtreibung als „Massenmord“? Für Kardinal Höffner liefert die Statistik den Beweis: „Wenn Abtreibung Mord ist, dann sind 73 000 Abtreibungen (im Jahre 1978) eben doch ein Mord in Massen.“ Er verschweigt indes, daß vor der Einführung der Fristen- und, nach dem Karlsruher Urteil, der Indikationslösung die jährliche Zahl der illegalen Abtreibungen in der Bundesrepublik im dunkeln blieb. Abtreibungen werden erst seit zwei Jahren statistisch erfaßt. Realistisch dürfte die Angabe des Sachverständigen der Bundesregierung im Herbst 1974 vor dem Bundesverfassungsgericht gewesen sein: mindestens 200 000 wahrscheinlich aber 300 000 unerlaubte Aborte pro. Jahr. Und nun ganze 73 000 legale Abtreibungen.

67 Prozent der legalen Schwangerschaftsunterbrechungen wurden durch „soziale Notlage“ gerechtfertigt. Besonders dieser Beweggrund empört nicht nur den Kardinal, sondern auch den Präsidenten der Bundesärztekammer. Offensichtlich können sie sich nicht vorstellen, daß es in dieser Gesellschaft überhaupt eine Notlage gibt, die eine soziale Indikation legitimiert. Ihr Vorstellungsvermögen mag begrenzt sein, aber wollen sie, daß die betroffenen Frauen erneut in die Illegalität der Hinterhöfe, zu den Engelmachern, getrieben werden, die sie an Leben und Gesundheit schädigen? Mit ihrer neuen Kampagne riskieren die Gegner der Indikationslösung lediglich, daß nicht nur das „ungeborene Leben“, sondern mit ihm auch die Mutter getötet wird.

Hans Schueler