Ankunft (Probe): 9.57 Uhr. Er fährt vor im dunkelblauen Mercedes-Cabrio 450 SL. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Augen, schön und bleich. Kommunistisch sieht er nicht aus, der „Jedermann 1979“ Maximilian Schell.

Ankunft (Premiere): 18.52 Uhr. Er wird längst vorgefahren sein. Ich betrete das Salzburger Landestheater. Schwarze Hose, weißes Hemd, schwarze Weste, ziemlich bleich. Der Logenschließerin sind die Programmhefte ausgegangen. Hat man gar nicht so viele Gäste erwartet? Ich sitze Reihe sechs, Mitte, sehr guter Überblick. Um mich herum sehe ich lauter dunkelblaue Mercedes-Fahrer sitzen. Schon im Foyer roch es eher nach Geld als nach Kunst. Kommunistisch sieht niemand aus bei der Festspielpremiere des Maximilian Schell: „Das weite Land“ von Schnitzler.

Mutmaßungen über Schnitzler (Schell, Probe): Ich finde, daß große Dichter nie Partei ergreifen. Man stellt etwas hin, so ist das, und läßt es wirken. Wobei die Wirkung verändert wird durch die politische Landschaft. Mit politischer Landschaft meine ich hier das Publikum. Der große Reiz an Schnitzler für mich ist, daß er gültig seine Zeit beschreibt. Jede Figur steht für etwas, die Beziehungen der Menschen zueinander sind klar durchgeführt, Verwicklungen zu Ende geführt. Und er hat eine eigene Sprache.

Mutmaßungen über Schnitzler (Horst Albert Glaser in „Wollüstige Fantasie“): „Zu einem Schauplatz mannigfaltiger sexueller Beziehungen weitet sich die bürgerliche Ehe im ‚Weiten Land‘. Ehebruch ist das zentrale Thema in Schnitzlers Ehedramen. Das Paar ist kaum mit sich, als vielmehr mit der geschickten Einpassung seiner Verhältnisse in den Rahmen der Ehe beschäftigt. Auf nüchterne Ökonomie des gemeinsamen Haushalts und ein Institut zur Erziehung der Kinder geschrumpft, was in der bürgerlichen Terminologie verschwommen Eheleben hieß. Indem Schnitzler von diesem nur die leere gesellschaftliche Verkehrsform der Geschlechter als solche übrig ließ, öffnet sie den Durchblick auf die materielle Basis der bürgerlichen Ehe schlechthin. .. Das gebildete Personal aus den oberen Kreisen Wiens vermag spielerisch, wenn auch nicht ganz schmerzlos, die Entfremdung des Lebens von seiner gesellschaftlichen Form zu leben, ohne zwanghaft, wie es dem Personal der naturalistischen Kleine-Leute-Dramen ergeht, mit ihr stets von neuem zusammengepreßt zu werden.“

Von Menschen und Fröschen (Probe): „So, jetzt müssen die Glocken schwächer werden und die Grillen herein, die vom Badener-Weiher“, unterbricht Schell. Er sitzt in der sechsten Reihe des Zuschauerraums, Mikrophonverbindung zur Bühne. „Bittschön, sind die Frösche vorbereitet, Herr Schell.“ Der Kopf des Requisiteurs taucht auf der rechten Bühnengasse auf. „Wenn Sie wünschen, laß ich das Band zurücklaufen und leg die Grillen ein, aber das dauert.“ – „Dann laß mich die Frösche hören, bitte.“ Die Frösche dauern auch. „Heute ist nur die halbe Technik da, das erhöht die Spannung!“ Schell greift zur zweiten Zigarette. Lautes Froschquaken.

Von Schauspielern und ihren Eitelkeiten (Aufführung): Der Burgschauspieler Walther Reyer inszeniert sich als der Fabrikant Friedrich Hofreiter, Schnitzlers männliche Hauptfigur. Er bewegt sich auffallend salopp und spricht auffallend verkrampft, von allen Konsonanten mag er das „R“ am meisten. Präzision: „Vor acht Tagen hat er da oben geschlafen, und am Abend vorher hat er noch Klavier gespielt da drin.“ Hofreiter geht an der Veranda seiner Villa entlang, von der Vorder- zur Hinterbühne, und greift mit der Hand genau dorthin, wo der inzwischen durch Selbstmord aus dem Leben gegangene Pianist Korsakow damals gespielt hat. Deklamation: Anschließend sprechen Hofreiter und seine Frau Genia (Nicole Heesters) über ihren Sohn Percy. Sie stehen sich gegenüber, sprechen aufeinander zu, ohne in ein Gespräch zu kommen. Zwei Schauspieler sagen ihre Rolle auf. An diesem Abend haben Schauspieler nie miteinander gespielt, sondern nur für sich und gegen alle anderen. Repräsentation. Zweiter Akt, gegen Ende: Frau Meinhold-Aigner, eine Schauspielerin, soll auftreten. Sie scheint verhindert. Es kommt Frau Schell. Sie lächelt, legt die Handflächen ineinander, schreitet über die Bühne. Später kommen, schreiten und lächeln: Louise Martini, Walter Kohut, Achim Strietzel, Eberhard Waechter. Ich gebe den Gedanken an eine Theaterkritik auf.

Schluß (Aufführung): Jubel in der politischen Landschaft. Applaus für Maximilian Schell. Bebende Freude bei Maria.

Notat im Zug (nach Schells Schnitzler-Inszenierung und Charlotte Kerrs Probenbericht in der Süddeutschen Zeitung): Zwei Anschläge aufs Theater erlebt. Deren geistige Wegbereiter: der Schwachsinn der Festspiele und die Vergreisgung des Feuilletons. Helmut Schödel