/ Von Marion Rollin

Streifenwagen fahren langsam am Fenster vorbei, halbstündlich, solange das Seminar über „Freizeit in Neubausiedlungen“ dauert. Tagungsort ist eine Kneipe mitten im „Problemgebiet“: Osdorfer Born, viel kritisierte Hochhaussiedlung im Hamburger Westen. Referent Erhard Petschke hat das Wort. Er ist Sozialarbeiter und betreut den Börner Jugendklub.

16 000 Einwohner leben in der Siedlung, mehr als 30 Prozent sind Jugendliche. Petschke kommt auf die Polizeistreifen zu sprechen: „Die fahren nur zur Kontrolle rum. Dabei ist hier schon lange nichts mehr passiert.“ Und wo bleiben eigentlich die 40 Prozent jugendlichen Kriminellen, die man für Hochhaussiedlungen wie den Osdorfer Born errechnet (mehr als doppelt soviel wie für den städtischen Durchschnitt)

Erhard Petschke nennt Beispiele: „Da braucht nur eine Gruppe von Jugendlichen zusammenzustehen und zu rauchen. Schon kommt die Polizei vorbei und fragt, ob sie schon über 16 sind. Wenn nicht, wird gleich eine Notiz gemacht mit ‚Angaben zur Person‘. Das geht dann zum Jugendamt mit der Anfrage, ob schon eine Akte besteht. Liegt noch nichts vor, landet die Notiz nicht etwa im Papierkorb, sondern es wird eine Akte angelegt! Kommen dann noch ein oder zwei kleinere Dinger dazu – beispielsweise Knallereien mit kleinen Fröschen schon vor Silvester oder jemand montiert einem das Mofarücklicht ab –, dann muß er gleich vors Jugendgericht.“

Derartige Vorfälle verstecken sich häufig hinter den Kriminalitätsstatistiken über Großsiedlungen. Bagatellen werden hier zum Fall, für die Bürger und Polizei in Villenvororten nur ein Achselzucken übrig haben. Soziologische Untersuchungen über das Verhalten von Polizisten weisen auf Zusammenhänge hin: Polizisten, die oft selber aus der sozialen „Unterschicht“ kommen, verhalten sich gegenüber Angehörigen derselben Schicht deutlich aggressiver als gegenüber Mittelschichtsbürgern.

Und weil in Großsiedlungen viele Hochhäuser stehen, und weil es in Hochhäusern viele Sozialwohnungen gibt, und weil Sozialwohnungen nur nach sogenannten „Vergabevoraussetzungen“ belegt werden dürfen – und zwar in erster Linie von „Dringlichkeitsfällen, die nach ihren persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen nicht in der Lage sind, auf dem freien Wohnungsmarkt angemessenen Wohnraum zu finden“ –, eben darum verhalten sich Polizisten gegenüber Hochhausbewohnern anders. Petschkes Erfahrungen sind nur Beispiele. Sie ereignen sich täglich in Berlins Märkischem Viertel und in der Gropiusstadt, in Bremens Neuer Vahr, in Frankfurts Nordweststadt, im Hamburger Steilshoop und Mümmelmannsberg oder in Münchens Neuperlach.

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