Zwei Lehrerinnen suchen einen Therapieplatz für eine drogenabhängige Schülerin

Von Joachim Wagner

Am Abend des 16. Januar 1979 erhielt die Berliner Realschullehrerin Sabine L. unverhofften Besuch. Vor ihrer Tür stand die 15jährige Marlies, eine ihrer Schülerinnen. Vor einer Woche hatten sich beide zum letztenmal gesehen. Damals war Marlies aus dem Rudolf-Virchow-Krankenhaus, in dem sie eine Fixer-Hepatitis auskuriert hatte, ausgezogen. Sie war ins „Synanon“ gekommen, eine Selbsthilfegruppe von sechzig ehemaligen Drogenabhängigen. Eine Woche hatte Marlies dem strengen Regime der Synanon-Therapie standgehalten, dann war ihr Wille, sich auch psychisch den Drogen zu entziehen, gebrochen. Die halbjährige Kontaktsperre, das Verbot von Sexualität und Musik, der kahlgeschorene Kopf und der Verzicht auf alle privaten Kleidungsstücke waren ihr schon schwergefallen. Härter aber noch hatte sie der Synanon-Stil bedrückt: Er verlangt, zu jedem und zu jeder Zeit freundlich und höflich zu sein – auch wenn einem der Kragen zu platzen droht.

Aus diesem sanften Miteinander dürfen die Mitglieder der Wohngemeinschaft nur beim sogenannten Synanon-Spiel ausbrechen, einer dreimal in der Woche stattfindenden Veranstaltung zum Abreagieren der angestauten Aggressionen. Sich auf Kommando anzuschreien, konnte bei Marlies jedoch nicht den Groll ausgleichen, der sich gegenüber dem autoritären „Hausgruppenleiter“ angesammelt hatte. Auch wollte sie im Synanon nicht alt werden. Das therapeutische Ziel dieser Einrichtung ist nicht die Wiedereingliederung der ehemaligen Drogenabhängigen in die Gesellschaft, vielmehr die „Erziehung zum Synanon-Leben“. Wer ihr angehört, soll sein Leben lang Mitglied dieser Gemeinschaft ehemaliger Drogenabhängiger bleiben. Marlies aber wollte von den Drogen loskommen, um eines Tages wieder zur Schule gehen und ein normales Leben führen zu können.

Lebenslauf und Drogenkarriere verliefen bei ihr geradezu schrecklich „normal“. Im Stenogramm: Ihre Eltern waren Kneipenwirte in Kreuzberg. Als sie sieben Jahre alt war, spielte sie für ihre jüngere Schwester Ersatzmutter; stellte diese etwas an, prügelten die Eltern Marlies. Sie lief von zu Hause fort. 1970 wurde ihrer Mutter das Erziehungsrecht entzogen, weil Marlies eineinhalb Jahre Schule geschwänzt hatte. Marlies kam in verschiedene Heime. Mir zehn Jahren begann sie, Uhu, Pattex und Nitroverdünner zu „schnüffeln“; es folgten Hasch, Marihuana, LSD und schließlich Heroin. Sie wurde Groupie der Rockergruppe „Dragons“. In diese Zeit fallen auch die ersten Straftaten: eine Körperverletzung bei einer Prügelei vor einer Diskothek und Ladendiebstähle im Werte von mehreren hundert Mark. Marlies kam in den Jugendarrest.

Diese verpfuschte Kindheit eröffnete für Marlies zwei Zukunftsperspektiven: höhere Dosen Heroin, die Bahn in die schwere Kriminalität oder eine erfolgreiche Therapie. Für die Therapie sprach nicht nur die Aussicht auf eine suchtfreie Zukunft, sondern auch ein noch anhängiges Gerichtsverfahren. Jugendrichter sind bei Bagatelldelikten wie Ladendiebstahl geneigt, Strafverfahren einzustellen, wenn sich der Drogenabhängige einer Therapie unterwirft.

Was konnte und mußte Marlies in Berlin, der Hauptstadt der Fixer mit etwa 3000 bis 5000 Heroinabhängigen und 10 000 bis 30 000 Gefährdeten, tun, um ihren Wunsch nach einem drogenfreien Leben zu verwirklichen?