Franz Böni: „Ein Wanderer im Alpenregen

Von Rolf Michaelis

Sie wollen ja nicht einsam sein, die Menschen, die wir „einsam“ nennen, die sich „einsam“ fühlen. Die jungen Männer, die der 1952 in Winterthur geborene Franz Böni durch Nebel oder Regen finsterer Alpentäler stapfen, gegen Schneewehen oder Unterholz einer immer feindlichen Natur und Umwelt ankämpfen läßt, werden überwältigt von der Sehnsucht nach Ruhe, Frieden, Geborgenheit.

Adrian, der Landstreicher in Bönis Erzählung „Der Dorffuhrmann“, der sich eben noch (Achtung: Symbol!) vergebens bemüht hat, eine „verwilderte Feldkatze“ an sich zu locken, verbringt „mehrere Tage“ damit, im Schatten eines verfallenden Schuppens zu sitzen und „auf die riesigen gelben Weizenfelder die roten Dächer des von stolzen grünen Linden umrahmten Bauerndorfes zu schauen“. Doch als ihn, der sich im verwilderten Gras vor dem Friedhof duckt, der Dorffuhrmann entdeckt, ruft selbst dieser Tagelöhner in einer Gemeinschaft von Grundbesitzern „mit höhnischer Stimme: Was versteckst du dich noch, wo doch bereits das ganze Dorf davon spricht, daß sich ein Strolch im ‚Schneckenloch‘ herumtreibt!“

Am Ende eines Tages, an dem er, wieder ohne etwas verkauft zu haben, auf dem Fahrrad durch Gegenden strampelt, in denen „das Klima so hart ist, daß der Boden noch im Sommer gefroren ist“, erblickt Lattmann, „Talhändler“ in der Erzählung gleichen Namens, einen alten Bauern und spielende Kinder: „Und noch nie war seine Sehnsucht so groß gewesen, auch eine Bank zu besitzen, wo er, ohne dem Geld nachjagen zu müssen, die letzten Sonnenstrahlen des Herbstes genießen konnte.“ Da sieht er, daß hoch oben „auf dem Rüetschberg eben die Lichter des Gehöftes angezündet wurden“. In der Erinnerung an die freundliche Bäuerin, die ihm immer von dem „selbstgemachten, gefüllten Lebkuchen“ abgibt, beginnt er den Aufstieg, „auch wenn er wußte, daß bei seiner Ankunft Nacht sein würde... Wenn dann vielleicht sogar ein Plätzchen am Kachelofen frei war, könnte er sich endlich auch irgendwo geborgen fühlen, wenn auch nur für die Zeit, da er sein Stück Lebkuchen aß.“

Kommen sie wirklich aus dem Ferienparadies und reichsten Land der Welt, aus der Schweiz, die acht so realistischen wie alptraumhaften Geschichten von –

Franz Böni: „Ein Wanderer im Alpenregen“, Erzählungen; Suhrkamp Verlag, Zürich/Frankfurt, 1979; 131 S., 18,– DM.