Von Andreas Kohlschütter

Kabul im August

Rote Banner in russischer und englischer Sprache zum Empfang am Flughafen in Kabul: „Arbeiter der Welt, vereinigt euch“, „Es lebe der proletarische Internationalismus“ und „Willkommen im Land der neuen Modell-Revolution“. Ausgerechnet Afghanistan. Dieses zu den allerärmsten Armenhäusern der Welt gehörende Land mit seinen 90 Prozent Analphabeten und 85 Prozent Kleinbauern, mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von knapp vierzig Jahren und jährlichem Pro-Kopf-Einkommen von 80 Dollar. Ausgerechnet dieser abgekapselte, zentralasiatische Binnenstaat am Hindukusch, der vom proletarisch-industriellen Zeitalter ebenso weit entfernt ist wie vom Meer. Hier werden plötzlich von oben Revolution, Klassenkampf, Diktatur des Proletariats dekretiert und diktiert, im Namen einer Neuzeit, die überhaupt noch nicht begonnen hat.

Unter denselben Bannern und Zeichen werden 400 parteitreue Kabuler Oberschüler nach Moskau verabschiedet. Sie wurden ein halbes Jahr vor dem Abitur aus den Klassen genommen. Zur Polizei- und Militärausbildung in der Sowjetunion, wie es heißt. Wann kommen sie zurück? „In frühestens sechs Monaten. Was werden sie dann tun? „Die Revolution verteidigen, kämpfen.“ Das von Kriegs wirren und Stammesrevolten erschütterte Afghanistan braucht dringend linientreue Offiziere. Sie sollen mit der Macht von Gewehrläufen das erzwingen helfen, was von selbst nicht wachsen will. Aeroflot steht bereit.

In der Abflughalle trennen sich tränenreich zwei afghanische Welten. Hier die neue Klasse der kahlgeschorenen, revolutionären Avantgardisten, einige in Blue-jeans-Kleidern, die meisten in schlechtsitzenden, dunklen Anzügen mit steifkragigem Hemd und Krawatte. Dort die tief verschleierten Mütter und Schwestern vom Lande, die Väter in Turban und Pluderhosen, die Respekt und Handküsse heischenden Dorfmullahs mit weißem Vollbart und goldenen Ohrringen. Die mütterlichen Hände, die sich den Scheidenden in schützender und segnender Geste auf den Kopf legen, werden von den Söhnen brüsk beiseite geschoben. Der Macht- und Kulturkampf zwischen Revolution und Tradition, der Afghanistan spaltet, treibt seine Keile bis in die familiäre Intimsphäre hinein.

Im „Land der neuen Modell-Revolution“ brodelt der Aufstand und gärt die Unruhe. Der einzigartige Weitsprung vom Feudalismus zum Arbeiterklassenstaat, mit dem „der große Führer“, Präsident Noor Mohammad Taraki, und „der treue Schüler“, Premierminister Hafizullah Amin, in anderen Drittweltstaaten Schule machen möchten (siehe Interview), ist zu kurz geraten. Am 28. April 1978 hatte sich dieses Regime frustrierter und radikalisierter Kleinbürger mit Hilfe der Armee an die Macht geschossen. Sie versprachen eine Demokratisierung der aristokratisch-exklusiven Institutionen, grundlegende Reformen der feudal-leibeigenschaftlichen Sozial- und Wirtschaftsstrukturen und die Oberwindung der erschütternden, mittelalterlichen Rückständigkeit. Sie gelobten aber auch, die Dinge nicht überstürzen und auf die nationalen Besonderheiten des „ewigen Afghanistans“ Rücksicht nehmen zu wollen.