Von Gabriele Venzky

Pulau Bidong, im August

Gerade noch rechtzeitig haben wir sie herausgeholt aus Pulau Bidong, einem elenden Eiland im Südchinesischen Meer, drei Stunden Bootsfahrt von der ostmalaysischen Küste entfernt. In zwei Wochen beginnt der Monsun. „Und das ist die Hölle“, sagen die, die ihn schon einmal miterlebt haben.

274 boat-people, Vietnam-Flüchtlinge, die in winzigen Nußschalen die gefährliche Flucht über das Meer gewagt hatten, sind dieser Hölle entronnen. Der Hamburger Senat und DIE ZEIT haben-sie mit Hilfe einer großen Spendenaktion aus dem Lager retten können. 274 von mehr als 34 000. Am Dienstag hat die Lufthansa die erste Gruppe aus Malaysia ausgeflogen. Am Donnerstag bringt die Luftwaffe die zweite Gruppe nach Hamburg. Ein neues, Ungewisses Kapitel im Leben dieser vom Schicksal gebeutelten Menschen wird dann aufgeschlagen. Aber eines werden sie nie vergessen können: Pulau Bidong – die Insel des Todes, wie sie auf deutsch heißt.

Doch von Toteninsel ist wenig zu spüren in diesen Tagen auf Pulau Bidong. Im Gegenteil, dieses winzige Fleckchen Erde platzt geradezu vor Leben und Überlebenswillen. Seit der Genfer Flüchtlingskonferenz vom 20./21. Juli gibt es wieder. Hoffnung: Über 6000 Flüchtlinge haben schon dieses riesige Gefängnis verlassen können, sind irgendwo in der Welt aufgenommen worden.

Jene, die zurückgeblieben sind, haben jetzt nur einen Gedanken: die Monsunzeit lebend zu überstehen. Pulau Bidong im Monsun, was das heißt, darüber weiß La Lac zu berichten. Er und seine zwölf Familienmitglieder gehören zu den ältesten Einwohnern der Insel. Anfang September vergangenen Jahres kam er hierher. Sein Boot wurde als Nummer zehn registriert. Monsun – das bedeutet monatelanger Dauerregen, das bedeutet Hunger (weil die unzulänglichen Boote des malaysischen Roten Halbmonds die Lebensmittelrationen nicht über die rauhe See transportieren können), das bedeutet Seuchengefahr.

Allein, als La Lac im vergangenen Jahr nach Pulau Bidong kam, da lebten erst 600 Menschen auf der Insel. Mittlerweile sind dort auf knapp einem Quadratkilometer 34 000 Menschen eingepfercht, ebensoviel, wie eine Stadt wie Itzehoe oder Rendsburg oder Siegburg an Einwohnern zählt. Für jeden Flüchtling gibt es gerade so viel Platz, daß er nachts ausgestreckt daliegen kann.