Hörenswert mißlungen

Joni Mitchell: „Mingus“. Nachdem sie das Projekt, T. S. Eliots „Four Quartets“ zu vertonen, als nicht durchführbar und für sie zu schwierig aufgegeben hatte, wagte Joni Mitchell den Versuch einer Synthese von Jazz (und seinen Blues-Unterströmungen) mit Folk- und Rockmusik, ihren ursprünglichen Ausdrucksformen. Ihre letzten Platten hatten schon in diese Richtung gewiesen, ihre Version von „Twisted“ (auf „Court and Spark“ erschienen) aber schon angekündigt, was hier offenbar wird: Joni Mitchell ist keine Jazz-Sängerin, ihre Stimme, zu „kultiviert“ und nicht rauh, bluesy, schmutzig oder obszön genug. Anders als etwa Rickie Lee Jones, um ein markantes Beispiel aus der letzten Zeit zu nennen, „swingt“ sie einfach nicht, ganz zu schweigen von Sängerinnen wie Billie Holiday oder Flora Purim, in deren Vortragsweise die schäbigeren Erfahrungen des Lebens, über die sie singen, einfach glaubhafter klingen. Die sechs Kompositionen, vier davon mit Mitchell-Texten zu Mingus-Stücken, funktionieren noch am ehesten als impressionistische Klanggemälde, bei denen das Spiel der exzellenten Begleitmusiker gegenüber den Texten und der gesanglichen Interpretation die wichtigere Rolle spielt. Immerhin ist das Experiment, kulturell unterschiedliches Musik-Erbe zu verschmelzen, auf hörenswertere Weise mißlungen als bei den kommerziell kalkulierenden Fusion- und Jazzrock-Einspielungen der letzten Jahre. – Die deutsche Pressung ist im Vergleich zur amerikanischen (Bestellnummer Asylum 5 E-505) von der Überspielung her klanglich hörbar schlechter. (Asylum AS 53 091)

Franz Schöler

Hervorragend

Barbara Thalheim & Streichquartett: „Lebenslauf“. Es ist ein bißchen mehr als ein interessanter, Aufmerksamkeit erzwingender Gag, ein Streichquartett zum Begleiter von Chansons zu bemühen: Den vier jungen Männern gelingt es, diesem nachdenklichen, innerlich beschwingten, aus dreizehn Liedern bestehenden, teils gesprochenen, teils gesungenen und auf der Gitarre begleiteten, „Lebenslauf“ eine eigenartige, transparente, sehr poesievolle Färbung zu geben. Die aus der DDR stammende Unterhaltungskünstlerin trägt ihre Lieder mit klarer Stimme (und klarem Verstand und klarem, innigem Gefühl) vor. Sie singt Bedenkenswertes über einen verlorenen Freund, das Alleinsein, das Dasein als Vierzehnjährige, den Abschied von den Eltern, ein Wiegenlied über „acht Pfund Biologie“ und, nicht zuletzt, ein wunderschönes Gedenkblatt „Für Greta“ (Kuckhoff, mit einem Text ihres von den Nazis umgebrachten Mannes Adam Kuckhoff) und ein Gedicht von Mascha Kaleko. Die Musik ist deutlich vom Text inspiriert, ohne daß sie ihn ausmalt, sie hat Anmut und bisweilen vorsichtig dramatische Züge. (Polydor 2371 945, MC 3150 945) Manfred Sack