Ein französischer Sportwagen mit Charme und Muskeln

Von Wolfram Siebeck

Im vorigen Jahr haben sie mit diesem Ding das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewonnen. Natürlich nicht genau mit der gleichen Alpine A 310, wie man sie für gute 36 000 Mark bei jedem Renault-Händler kaufen kann. Man weiß, wie das vor sich geht: Da läßt das Werk seine besten Mechaniker ohne Rücksicht auf die Kosten an dem Auto herumbasteln, bis es nicht mehr wiederzuerkennen, dafür aber besser zu hören ist. Das alles geschieht selbstverständlich innerhalb des Reglements und zu dem einzigen Zweck, das Auto noch schneller zu machen – so wie sich Wettschwimmer die Brusthaare abrasieren.

Die Alpine A 310 hat die Brusthaare noch dran, sozusagen. Sie ist ein zweisitziges Sportcoupé für den Straßenverkehr mit 150 PS aus dem 2,7-Liter-Sechszylindermotor, der auch in den großen Renault-Limousinen verwendet wird. Damit erschöpft sich allerdings die Ähnlichkeit dieses Flitzers mit irgendeinem Fließbandauto Die Kunststoffkarosserie ist zum großen Teil mit der Hand gearbeitet. Das Auto ist noch niedriger als andere Sportwagen; es hat ungefähr die Höhe eines Couchtisches, auf den man die Füße legen möchte.

Auch das Design entspricht nicht dein Italo-Look der meisten anderen Zweisitzer. Der verantwortliche Blechschneider muß ein verkappter Courrège Sein, Die Rechtecke der Lampen und des Heckfensters auf den glatten Flächen der Karosserie bewirken eine ungewöhnliche graphische Klarheit. Und von hinten sieht die Alpine aus wie ein sich duckender Hase. Ich habe mich zuerst nicht hineingetraut. Ins Auge fällt zunächst das Formel-I-Lenkrad: nicht größer als ein Suppenteller und dick mit Leder überzogen. Dann die vielen Armaturen: sämtliche Zahlen in grellem Rot; sogar die Quarzuhr scheint nur dazu da, den Stundendurchschnitt zu errechnen: Was, schon eine halbe Stunde unterwegs und noch keine 100 Kilometer gefahren? Denn möglich ist das; als Höchstgeschwindigkeit sind +220 an-

gegeben, und die Beschleunigung von 0 auf 100 beträgt 7,8 Sekunden. (Porsche 924 Turbo = 8 Sekunden.)

Besonders der letzte Wert hat es in sich. Er gleicht dem Intelligenzquotienten: 15 Sekunden sind guter Durchschnitt, zehn Sekunden signalisieren eine bemerkenswerte Begabung, acht Sekunden und weniger bedeuten Genie.