Von Christian Schmidt-Häuer

Die Köchin Walentina Pamursina schlummerte auf dem großen Kochkessel, in dem die Speisen für die Gäste angerichtet werden sollten. Ihr Mann, der eigentlich in einem ganz anderen Betrieb seiner Arbeit nachzugehen hatte, wich nur wankend vom warmen Herde. Die Kellner Posdenjakow und Iwanow starrten ungläubig auf die Röhrchen, die sich vor ihre Münder schoben und sogleich verfärbten. Der Koch Andrejew konnte nicht mehr pusten, ihm hatten die Kollegen in der Küche gerade das Gebiß zerschlagen. Und der Koch Kulagin versuchte gerade noch, eine Batterie Wodkaflaschen in den Hof zu tragen, die nicht abgestempelt und damit auch nicht für den Ausschank freigegeben wären – Schnaps aus derSchwarzbrennerei.

Diese Fakten stammen aus einem Protokoll des Moskauer Staatsanwaltes W. Milajew. Es hielt die Ergebnisse einer Stichprobe fest, die Milajews Mitarbeiter im Moskauer Schaschlik-Lokal „Arax“ vornahmen. Die pikante Würze an der Geschichte: Die Leiterin des Etablissements war gleichzeitig die Vorsitzende einer Kommission für den Kampf gegen die Trunksucht. Dieses Beispiel erläutert besser als jeder Kommentar, wie sehr der Alkohol die sowjetische Gesellschaft aufzulösen droht. Die Wirtschaft erleidet in jedem Jahr Millionenverluste durch den Ausfall oder die Ausschußarbeit berauschter Werktätiger. Immer mehr Familien, die der Staat gern als Hort der Stabilität erhalten sähe, werden durch Trunksucht zerrüttet. Der Alkohol ist zum „Hauptfeind des Lebens“ geworden, hat die Zeitung Sowjetkultur schon vor einigen Jahren resümiert.

Die Gesamtzahl der Suchtkranken und die vollständigen statistischen Übersichten sind vorerst noch Staatsgeheimnisse. Aber die verstreuten Einzeluntersuchungen, deren Publikation Mitte der siebziger Jahre vorübergehend zunahm, vermitteln ein düsteres Alkoholspiegel-Bild. Das Trinken begleitet die Russen, wie in der Zarenzeit, fast von der Wiege bis zur Bahre:

70 bis 95 Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter machen bereits mit Alkohol Erfahrungen; die Landkinder im Durchschnitt zum erstenmal zwischen elf und zwölf Jahren. Wie in der Bundeswehr, so fördert auch der Dienst in der Roten Armee nicht das Feindbild vom Alkohol – im Gegenteil. Neun von zehn Rotarmisten, die sich mit Geschlechtskrankheiten infizieren, tun dies, angeblich in – alkoholgeschwängertem Zustand. Im zivilen Leben macht der erwachsene Sowjetbürger mit der Trunksucht keine besseren Erfahrungen, auf. welcher Seite er auch zum Opfer wird: 76 Prozent aller Vergewaltigungen, 74 Prozent aller Morde und neun von zehn Störungen der öffentlichen Ordnung werden im Rausch begangen (Zahlen aus Junger Kommunist).

Die Folgen der Sucht für das Familienleben am Beispiel der Statistik: Eine Untersuchung im Orlowsker Gebiet ergab, daß 71,4 Prozent aller Scheidungsanträge von Frauen durch die Trunksucht der Männer ausgelöst wurden. Zehn Prozent der Suchtkranken sind inzwischen Frauen. Es gibt kaum einen Ausländer in Moskau, der nicht irgendwann mit bleichem Gesicht berichtet, daß ihm gerade ein Betrunkener fast der Länge nach vor den Wagen gefallen sei. Bei 46 Prozent aller Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang ist Alkohol, im Spiel.

Statistiken über Betriebsunfälle sind bis heute geheim. Aber der „blaue Montag“ ist ein offen in Rechnung gestellter Defizitposten der Sowjetwirtschaft. Nach Feier- und Zahltagen steigt der Ausschuß in der Produktion um fast 3,5 Prozent. Eine Stichprobe, die ein Moskauer Unternehmen an einem Montagmorgen über sich ergehen lassen mußte, ergab: Von 410 Arbeitern standen 281 unter Alkoholeinfluß oder litten noch an den Nachwirkungen des Wochenend-Katers. „Unser Ingenieur fällt jeden Montag wegen Trunkenheit aus“, sagte mir einmal der leitende Angestellte eines zentralrussischen Betriebes, „aber wir sind heilfroh, wenn er dienstags oder mittwochs wiederkommt; denn einen besseren Fachmann fänden wir nicht.“ Der Arbeitskräftemangel führt dazu, daß viele Vorgesetzte die wegen Trunkenheit fehlenden Werktätigen als beurlaubt melden. Der „blaue Montag“ endet mit Nachdurst: