Er war Hamburger von Herkunft und aus leidenschaftlicher Verantwortung für das, was ihm als kultureller Auftrag seiner Vaterstadt vor Augen stand: Tradition nicht in selbstzweckhafter Pflege einzusargen, sondern der Herausforderung des Neuen auszusetzen.

Die Begeisterungsfähigkeit des jungen Patriziersohnes begegnete in Aby Warburg einem Geist, der ihm zügelnde Strenge und nüchterne Blickschärfe vermittelte. Am Ende des Ersten Weltkrieges promovierte er mit einer Untersuchung über die Entwicklung der norddeutschen Malerei im 15. Jahrhundert, die wegweisend geblieben ist, und verfaßte als Paulis Assistent den ersten Katalog der alten Meister der Hamburger Kunsthalle. Damals schon hatte er die Gegenwart entdeckt, mit Küistlern Freundschaft geschlossen und zu sammeln begonnen. Das bleibende Zeugnis, ein Denkmal fast, dieser Um- und Aufbruchsjahre ist die Zeitschrift „Genius“, die er zusammen mit Hans Mardersteig herausgab; Kokoschkas Doppelbildnis (Museum Boymans-van Beuningen, Rotterdam) hält die beiden Freunde fest: ohne Pathos, doch voll geistiger Erwartung in Blick und Geste.

Den Dreißigjährigen erreichte 1920 der Ruf nach Lübeck. Was er dort bis zur Zwangspensionierung 1933 leistete, gehört zu den bedeutendsten museologischen Entwürfen dieses an Neuerungen reichen Jahrzehnts. Heise dehnte sein Aufgabenfeld auf die Stadt als Ganzes aus und sah sie als potentielles Museum im lebendigsten Sinne, gleichwie er das Museum zu einem Zentrum urbaner geistiger Auseinandersetzung machte. In der Lübecker Praxis wurde Heise zum Museumstheoretiker, der bald das Zwitterhafte dieser bürgerlichen Institution erkannte. Für ihn war das Museum weder ein organisch Gewordenes noch das Spielbrett blinden Experimentierens, weder Schatzkammer noch pseudoreligiöser Fluchtort. Er war früh bereit, die „Öffnung“ des Museums auf antimuseale Tendenzen, diese integrierend, auszudehnen. In einer programmatischen Rede auf dem deutschen Kunsthistorikertag in Berlin sprach er sich 1951 unverblümt gegen das „Gelehrtenmuseum“ aus: „Das Museum der Gegenwart... ist kein Forschungsinstitut, sondern eine Stätte der künstlerischen Erziehung und Selbsterziehung der Allgemeinheit.“ In diesem Sinne verstand er seine Tätigkeit als Direktor der Hamburger Kunsthalle von 1945 bis 1955. Immer hatte er, über den materiellen Wiederaufbau hinaus, das geistige Ziel im Auge, das Museum zu einem „echten Bildungsfaktor unseres gegenwärtigen Lebens“ zu machen.

Heises Entschiedenheit im Umgang mit Problemen und Menschen machte sich die Abwartenden und Kompromißbereiten zum Feind. Sein streitbarer Witz hatte stets blanke hanseatische Schärfe, nie etwas Doppelzüngiges. Unter Hitler fand er in Berlin Zuflucht, Nachbar Und Freund von Theodor Heuss, weiterhin mit den nunmehr „Entarteten“ in engem Kontakt und hilfreich um die Jüngeren besorgt – so um E. W. Nay, der ihm 1928 seinen ersten Museumsankauf verdankte. Nach Kriegsausbruch gab er im Verlag Gebrüder Mann den „Kunstbrief“ heraus. In dieser Reihe, deren Idee er später in „Reclams Werkmonographien“ auf eine breitere Basis stellen konnte, kam Warburgs methodischer Ansatz zum Tragen, die Abwehr vom „Stil“, diesem Lieblingsphantom der deutschen Kunstwissenschaft, und die Konzentration auf das Einzelwerk in seinen vielfältigen Brechungen.

Heise war ein Bekenner. Dieser Typ paßt nicht in unsere „Medienlandschaft“, er stirbt aus. Nicht aussterben sollte der Mut zur Irritation, zu unbequemer Deutlichkeit. Heises offener Brief an Hindenburg, als dieser 1924 für das Amt des Reichspräsidenten kandidierte, trug ihm Empörung und Achtung ein. Er selbst hat, als er 1945 im umkämpften Berlin seine Erinnerungen an Aby Warburg niederschrieb, in dieser Stellungnahme das Bekenntnis zu den „höchsten Lebensnotwendigkeiten“ erblickt – aus dem Munde eines deutschen Beamten ein seltenes Wort: „Ich gestehe, daß ich kaum die gegenwärtigen Notzeiten mit verhältnismäßig so ruhigem Gewissen zu ertragen vermöchte, dürfte ich mir nicht sagen, daß ich wenigstens einmal, und zwar genau damals, als mit der ersten nationalistischen Welle gegen die Grundfesten der Republik die ersten Sturmzeichen sichtbar wurden, aus der Reserve des geistigen Arbeiters herausgetreten bin und öffentlich warnend das Wort ergriffen habe ...und wenn ich hoffe, mich an irgendeinem Punkt als Warburgs Zögling bewährt zu haben, so in der Bereitschaft, die höchsten Lebensnotwendigkeiten, wenn es ernst wird, über die beruflichen und persönlichen zu stellen.“

Am 11. August ist Carl Georg Heise, 89 Jahre alt, gestorben. Werner Hof mann