Gelsenkirchen

Natürlich ist Gelsenkirchen eine Industriestadt im tiefsten Kohlenpott. Und die Gelsenkirchener, die in der Nähe der Chemie wohnen, müssen sich so manches Mal die Nase zuhalten. Aber wer wohnt in Cuxhaven oder Hamburg schon gern neben dem Fischereihafen.

Natürlich ist Gelsenkirchen auch die berühmtberüchtigte Schalker-Nord-Kurve im Parkstadion. Aber die Söhne der kühlen Hanseaten gehören im Hamburger Volksparkstation auch nicht gerade zu den zimperlichen.

Gelsenkirchen ist mehr als nur Industriestadt und Schalke 04; das Dumme ist, das wissen nur die wenigsten. Das liegt vielleicht an der fehlenden Tradition (die heutige Stadt entstand erst vor fünfzig Jahren durch den Zusammenschluß von Gelsenkirchen und Buer). Wer weiß schon, daß Gelsenkirchen eins der schönsten barocken Wasserschlösser Deutschlands mit einem französischen und englischen Garten besitzt.

Die schon 1931 gegründete Künstlersiedlung Halfsmannshof braucht sich heute hinter Worpswede, nicht zu verstecken. Die Gelsenkirchner Künstlerin Elisabeth Striepens gestaltete im vergangenen Jahr die offizielle Unesco-Weihnachtskarte. Das Musiktheater im Revier hat nicht nur einen Manger-Tegtmeier, sondern auch einen Opernstar wie Ursula Schröder-Feinen hervorgebracht.

Die Trabrennbahn am Nienhausenbusch setzt mit fast 60 Millionen Mark mehr um als Berlin-Mariendorf und München-Daglfing. Am Schloß Horst, das in der Renaissance vielen Landesfürsten als Bauvorbild diente, galoppierte erst vor wenigen Tagen Derby-Sieger „Königsstuhl“ im Aral-Pokal durchs Ziel, einem Rennen der Europa-Klasse I.

Aber weder das barocke Wasserschloß noch das Musiktheater mit seinen fast 300 000 Zuschauern im Jahr machen den Reiz der Stadt aus, die neben ihren 315 000 Einwohnern auch noch 350 000 Tauben und weit über 1000 Pferde beherbergt, die Menschen machen diese Stadt ohne große Tradition so liebenswert und lebendig.