Ist die Institution der Biennale überholt, oder gibt es auch heute noch Gründe, die ihre Existenz rechtfertigen? Das Problem der Biennalen hätte das Thema des diesjährigen Kongresses des Internationalen Kunstkritikerverbandes in Brasilien sein sollen. Das Treffen wurde abgesagt, wegen organisatorischer und finanzieller Schwierigkeiten, die Fragen bleiben bestehen. Berechtigte Fragen, die zu tun haben mit Kunstpolitik und Marktinteressen.

Es ist die Rede von einer Krise der Biennalen, anderswo. Hierzulande werden Zweifel an Sinn und Aufgabe solcher Veranstaltungen beschwichtigt durch die Gründung einer weiteren – in Heidelberg ist seit einigen Tagen die 1. Biennale der europäischen Graphik zu besichtigen. Das nach einer höchst ungewöhnlichen Vorgeschichte glücklich aus der Taufe gehobene Unternehmen kann keinerlei Erstgeburtsrecht beanspruchen, internationale Graphik-Biennalen haben längst Tradition, in Krakau zum Beispiel oder in Ljubljana. In der Bundesrepublik allerdings gab es eine derartige, in regelmäßigen Abständen über die Entwicklung der Graphik in West und Ost informierende Ausstellung bislang noch nicht.

Und so hat das Argument, die Ausstellung entspreche "einem vorhandenen Bedarf", durchaus einiges für sich. Die Initiatoren der Biennale hatten aber darüber hinaus noch anderes im Sinn. Für die Graphik "fehlte bisher in Europa eine umfassende Ausstellung, die nicht nur die lokalen oder nationalen Interessen befriedigt, sondern die eine Plattform mit möglichst objektiven Maßstäben gerade ohne die Rücksicht auf die Interessen des Marktes sein könnte". Eine sicher lobenswerte Absicht, die in Ansätzen auch sichtbar wird, insgesamt jedoch nicht verwirklicht ist. Dafür gibt es Gründe.

Die Heidelberger Biennale stellt eine Provokation des bundesdeutschen Kunstbetriebs dar. Organisiert von einem privaten Verein, dessen Mitglieder – vor allem Milos Lukes, der Generalsekretär der Ausstellung – sich in persönlichem Kontakt mit Künstlern und Kunstvermittlern, auch mit Galerien, um das Zustandekommen des Unternehmens bemühten, ist die Biennale der seltene Fall einer aus allen Ländern Europas be-

schickten Großveranstaltung, die unabhängig von den Mitteln und Beziehungen eines oder mehrerer Kunstinstitute auch tatsächlich gelungen ist. Mit Geduld, Zähigkeit und Tatkraft hat private Initiative ein Ausstellungsmonopol durchbrochen.

Nun sollte man eigentlich meinen, daß solcher Unternehmungsgeist, verbunden mit Sachkenntnis, in dem Moment, in dem sich abzeichnete, daß das Konzept sinnvoll und zu verwirklichen war, Unterstützung verdient hätte. Wie sich allerdings herausstellte, waren weder die Stadt Heidelberg noch die Ausstellungsmacher rings im Lande von dem Projekt begeistert. "Bedauerlicherweise", heißt es dazu im Katalogvorwort, "erfuhren wir... bei einigen öffentlichen Stellen Zurückhaltung, Mißtrauen und Ablehnung." Die Biennale ist vermutlich das wichtigste Kunstereignis in Heidelberg seit der "Ottheinrich" Ausstellung, Mitte der fünfziger Jahre, doch Subventionen waren dafür nicht vorhanden.

Die Veranstaltung muß sich also selbst tragen. Der Besucher bekommt es zu spüren, Eintritts- und Katalogpreis sind höher als gewohnt. Die Ausstellung besitzt, besaß vor allem in der Vorbereitungszeit keinen wenigstens offiziösen Status – ein Handicap, das Folgen hatte für Auswahl und Umfang des Gezeigten. Allein, auf sich gestellt, haben die Initiatoren nicht überall die richtige Kontaktperson oder -institution gefunden. Immerhin, anerkannte Fachleute wie Umbro Appollonio oder die Leiter der Biennalen von Ljubljana und Krakau standen als Berater zur Verfügung – und haben als Mitglieder der Preisjury eine Reihe von Fehlentscheidungen nicht verhindert. Wenn denn Preise schon sein müssen, dann war es gerade bei dieser – nach dem erklärten Willen der Veranstalter nicht an Marktvorstellungen orientierten – Biennale schlicht sinnwidrig, den Großen Preis als Jubiläumstrophäe, vierundzwanzig andere Preise hatte er nämlich vorher schon, an einen Künstler zu vergeben, den Jugoslawen Vladimir Velickovic, der international renommiert, keineswegs jedoch ein auszeichnungsbedürftiger Graphiker ist.