Ein Amerikaner gibt zu Protokoll

Von Jörg Becker

Tagebucheintragung am 23. April 1962: Der stellvertretende Chef der CIA-Station in Quito/Ekuador, Gil Saudade, „hat eine weitere Frontorganisation für Propaganda eingerichtet. Sie wurde vor einigen Tagen gegründet und nennt sich ,Komitee für die Freiheit der Völker’. Durch diese Gruppe will Gil Dokumente der ‚Europäischen Versammlung Unterdrückter Völker‘ publizieren sowie anderer von der CIA kontrollierter Organisationen, die sich mit der Kampagne für Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten in den kommunistischen Ländern beschäftigen. Der Agent, über den er das Komitee errichtet, ist Isabel Robalino Bollo, die er über Velascos früheren Arbeitsminister, Jose Baquero de la Calle, kennenlernte. Sie gehört zu den Führern des katholischen Arbeitszentrums und ist Gils Hauptagent für Operationen, die über diese Organisation laufen. Sie wurde zum Sekretär des Komitees ernannt, dem viele Prominente, Liberale, Intellektuelle und Politiker angehören“.

Das ist eine von vielen hundert Tagebucheintragungen des ehemaligen CIA-Mitarbeiters Philip Agee, der in den Jahren von 1960 bis 1968 in den Geheimdienststationen von Quito, Montevideo und Mexico City arbeitete: Was tut so ein Agent den lieben langen Tag in seiner Tarnung als Mitarbeiter einer amerikanischen Botschaft? Wanzen in der sowjetischen Botschaft anbringen, aus- und eingehende Briefe von Ekuador nach Kuba und den osteuropäischen Staaten öffnen und abfilmen, US-freundliche und antikommunistische Artikel über Mittelsmänner in die Landespresse einschleusen, für den einheimischen Polizeichef eine Liste von sozialistischen Studentenführern zusammenstellen, Material für einen antikommunistischen Hirtenbrief des Kardinals zusammensuchen...

Tagebucheintragung vom 22. Mai 1964: „Um das Kommen und Gehen des Botschaftspersonals zu überwachen, insbesondere der Geheimdienstbeamten, betreibt die Station in einem nahegelegenen Hochhaus einen Observationsposten. Das Ehepaar, in dessen Wohnung sich der Posten befindet, teilt sich die Arbeit: Notierung der das Gebäude betretenden und verlassenden Personen, Photographieren der Besucher, der Sowjets und, von Zeit zu Zeit, der Nummernschilder der von den Besuchern benutzten Fahrzeuge.“

Tagebucheintragung vom 23. Juli 1965: „Joan Humphries soll uns im richtigen Einsatz von Verkleidungstechniken unterrichten: Perücken, gefärbte Haare, Spezialschuhe und -kleidung, Brillen, Bärte, Warzen, Muttermale und, nicht zu vergessen, falsche Papiere.“

Wer es bislang gewohnt war, solche Fakten als Produkte aus Hollywoods Traumfabrik abzutun, aus denen sich das berühmte Fritzchen Meier sein Bild über Geheimdienste und Spionage zusammenbastelt, oder solche Fakten als legitime Motivbestandteile sozialkritischer Romane und anklagender Satiren zu begrüßen, muß sich seit Philip Agees Tagebuch eines Besseren belehren lassen. Und dies in zweifacher Richtung: Die Realität hat die Satire ebenso wie die Trivialliteratur ein- und überholt Vor der Realität der durch Philip Agee aufgedeckten CIA-Praktiken verwischen die Unterschiede zwischen Satire und Kitsch: Satire wird trivial, und der Kitsch hat endgültig, ein für allemal, die von Ernst Bloch so fein analysierte Ambivalenz zwischen Affirmation und Revolte verloren.