Von Viola Roggenkamp

Waddewarden, Burmönken, Middoge, Blersum, Uttel oder Toquard, so heißen die Dörfer rund um Jever i. O.

Ostfriesische Namen wie aus dem Bilderbuch. Jedoch bedeutet i. O. „in Oldenburg“. Daß die Jeveraner oldenburgisch wurden, war bloß eine Laune von Fräulein Maria. Unverheiratet bis an ihr seliges Ende, verlieh sie als letzte Regentin 1536 Jever das Stadtrecht. In ihrem Testament vermachte die stolze Tochter des Ostfriesenhäuptlings Edo Wiemken Jever der Grafschaft Oldenburg. Es wird behauptet – aus Rache. Weil sich Ostfriese Enno II. in ihrem Schloß unmöglich aufgeführt haben soll.

Nicht nur das Schloß mit seinem weithin sichtbaren Zwiebeltürmchen (ein Andenken an die Zeit, als die Jeveraner Untertanen der Zarin Katharina der Großen waren), die ganze Stadt ist hübsch. Kleine winklige Gassen, dazwischen schmale Gräften (Grachten), an denen schmucke Häuser stehen. Hier wird ostfriesischer Tee mit Kluntjes getrunken, und dazu gibt es „Leidenschaften“. Wer nicht aus Ostfriesland kommt, wird denken, es seien langgezogene Herrenkringel. Es ist aber ein exquisites Gebäck.

Man hätte sogar einen Heimatdichter zum Vorzeigen, wenn Oswald Andrae nur nicht immer „so ’n ernsten Kram“ schreiben würde. Den meisten Jeveranern ist er zu politisch, zu kritisch, zu linkslastig. Darum geht er – fragt man einen Jeveraner nach den Besonderheiten der Stadt – immer nur am Rande mit. Unter den Tisch kann man ihn aber nicht fallen lassen. Dafür ist er schon viel zu bekannt. Weit über die Landesgrenzen hinaus. Zum Beispiel im benachbarten Holland, in England, Skandinavien... und in der DDR.

Seine Lyrik und Liedtexte, die Kurzprosa und Sachliteratur („Ostfriesen und die Diglossie“) sowie Hörspiele und Feature sind überwiegend in niederdeutscher Mundart geschrieben. In Platt also. Die Bezeichnung steht für Dialekt, und Dialekt gilt für gewöhnlich eben als gewöhnlich und unfein. Plattdeutsche Lyrik wird darum als Provinzpoesie abgetan.

Nicht, um als Sprachpfleger zu wirken, schreibt Andrae in Niederdeutsch, sondern „weil diese Sprache bei uns existiert. Sie ist da.“ Für ihn ist sie ein wichtiges Kommunikationsmittel, „weil Dialekte und Soziolekte noch in viel größerem Maße als die Hochsprachen entweder solidarisierend oder schockierend wirken“. Prominenteste Beispiele sind dafür die niederbayerischen Theaterstücke von Franz Xaver Kroetz.