Die Ästhetik der schwulen Subkultur: Es gilt nur eines – daß nichts gilt

Von Helmut Schödel

Frauenbilder. Luzi liebt Urlaub auf Mallorca, mag Blumentapeten, Aschenbecher in Herzform und Stofftiere. Beim Nachmittagskaffee warnt sie ihre Freundin vor der Ostpolitik der Bundesregierung. Das ist für Luzi kein politisches Bekenntnis, sondern Kaffeeklatsch. Luzi ist kein Crack, was das Denken betrifft. Luzi ist ein Crack, was das Leben betrifft. Zwar ist sie nicht gebildet genug, sich selbstkritisch einschätzen zu können, dafür aber mutig genug, nach ihren (wenn auch unreflektierten) Wünschen zu leben.

Luzi neigt zur Fettleibigkeit und kann sich von allen Kleidungsstücken Hot pants am wenigsten leisten. Sie ist Mitte Fünfzig und kann eine Ehe mit einem Dreißigjährigen nur unter Schwierigkeiten führen. Luzi trägt Hot pants und heiratet den über zwanzig Jahre jüngeren Hilfsarbeiter Dietmar. Für eine Frau des unteren Kleinbürgertums verhält sich Luzi sehr ungewöhnlich. Luzi ist exzentrisch.

Ungewöhnlich exzentrisch verhalten sich Frauen des unteren Kleinbürgertums auch in Filmen von Walter Bockmeyer und Rolf Bührmann. Das gilt für die frühen Filme „Salzstangen-Geflüster“ und „Salzstangen-Geschrei“ genauso wie für „Jane bleibt Jane“. Für Rosa von Praunheim singt die Laiendarstellerin Luzi Kryn in dem Film „Berliner Bettwurst“ voll Inbrunst am Klavier polnische Lieder an Dietmar. Für Praunheims Kollegen Bockmeyer/Bührmann hält sich Luzis Kollegin Clementine, die fröhliche Dicke aus der Waschmittelwerbung, in „Jane bleibt Jane“ für Tarzans Witwe. Luzi und Clementine sind Mutti-Figuren. Durch ihre Exzentrizität schlägt ihr Kleinbürgerverhalten in Subkultur um.

Tally ist unvergleichlich viel fetter als Luzi. Wegen einer Knieverletzung geht sie am Stock. Wenn sie bei ihren Spaziergängen ihre Fleischmassen durch die Straßen New Yorks wallen läßt, trägt sie zum schwarzen Kleid einen kleinen, rosaroten Sonnenschirm. Tally ist Sängerin und schwärmt von ihren Auftritten in einer Schwulensauna in New York: „Ich liebe die echte Dekadenz.“ In einem Straßencafe freut sie sich an den „herrlichsten, unverdaulichsten Speisen“, die sie dort zu sich nehmen kann. Für Tally ist das Leben Show. Sie versteht New York als ein großes Bühnenbild. Die Auftritte ihres Körpers darin haben Würde. Sie glaubt an „the glory of her flesh“ – und bewegt sich entsprechend. Sie singt „Let’s be heroes for just one day“ – und lebt danach. Tally ist eine fette, häßliche, kranke, starke Frau.

Rosa von Praunheim hat in seinem Film „Tally Brown, New York“ Tally nicht ein einziges Mal in ihrer Wohnung besucht, sie nie privat, in ihrer Einsamkeit, gezeigt. Praunheim hat sich nur für die offizielle Version der Tally Brown interessiert: für lauter unheimlich starke Auftritte. Traumfrau Heroine: Hinter dem Bild von der dominanten erscheint das Bild von der zerstörten Frau.