Von Gunter Hofmann

Wer Sieger, wer Besiegter in einem neuen Streit um das Für und Wider die Kernenergie sein würde, steht vermutlich schon vorab fest. Nichts spricht derzeit dafür, daß sich an den Prinzipien der Bonner Politik etwas verändert, auch nicht während des Berliner Parteitags der SPD im Dezember. Der Stoff trägt insofern kein großes Weltanschauungsdrama. Die Formel aus dem Jahr 1977 – Priorität für Kohle, und Energie-Einsparungen, für den Restbedarf Kernenergie – wird voraussichtlich für die nächsten Jahre gültig bleiben.

Bundeskanzler Schmidt und der Koalitionspartner FDP haben das Prinzip. – für einen Ausbau des Reaktornetzes – weiter festgeklopft, trotz des Schocks, der von Harrisburg ausging. Streng ist den Kabinett Geschlossenheit in dieser Frage abverlangt worden; Rainer Offergeid kann ein Lied davon singen. Er „bekennt“ sich wieder zur Kernenergie. Horst Ehmke, immerhin Vorsitzender der Energie-Kommission des SPD-Vorstands, hat das Resultat seines Arbeitens lapidar so beschrieben, man könne „in den nächsten zwanzig Jahren nicht .völlig auf Kernenergie verzichten, auch wenn man’s gern will“. Also auch hier: Das Novum heißt, daß alles beim alten bleibt.

Forschungsminister Hauff schließlich warnt zwar davor, „sich auf eine einzige Prognose zu kaprizieren“, wenn über die Anzahl der notwendigen Atommeiler bis zum Jahr 2000 Auskunft, verlangt wird, aber umreißt die Dimension: Vielleicht müssen es nicht jene ursprünglich einmal angestrebten 64 000 Megawatt sein, die von Reaktoren produziert werden, aber doch Größenordnungen, die nicht sehr weit darunter liegen. Applaus dafür kommt auch aus Wehners Fraktion, zuletzt von einem der energiepolitischen Sprecher, Ulrich Steger. In seinem Szenario sind, selbst bei geringem Wirtschaftswachstum und bei intensiver Energiesparpolitik zusätzlich zu der Kraftwerkskapazität von 90C0 Megawatt heute weitere 45 000 Megawatt notwendig. Das heißt: 33 Blöcke in der Größe von Biblis.

Die Annahme mag unrealistisch sein, daß solche Dimensionen von der Öffentlichkeit akzeptiert würden. Aber es müßte schon ein kleines Wunder geschehen, wenn Erhard Eppler viel von seinen Alternativen durchsetzen könnte, die auf die extrem andere Position hinauslaufen. Er meint, auf den Zubau weiterer Atomkraftwerke bis ins Jahr 2000 könne ganz verzichtet werden, einmal, weil die Wachstumsrate sich, ohnehin abflache, dann, weil das Wachstum überdies immer weniger von energieverbrauchenden Industrien gespeist werde, schließlich, weil Einsparungen und technische Neuerungen an dem „schlecht wärmegedämmten Haus“ Bundesrepublik das erhatten. Mehrheiten für diese Position sind’nicht abzusehen.

Letztlich hat sich der Konflikt allmählich auf die andere Ebene verlagert, ist nicht mehr nur Glaubenskrieg. Andere Fragen sind wichtiger geworden. Erstens: Wie sind denn politische Entscheidungen demokratisch umzusetzen, wenn einerseits über sie grundsätzlicher Dissens in der Gesellschaft herrscht, anderseits aber feststeht, daß der Kurs der Politik keinesfalls prinzipiell geändert werden soll? Zweitens: Soll das Junktim zwischen einer gesicherten Entsorgung, und der Inbetriebnahme weiterer Kraftwerke gelockert werden, nachdem feststeht, daß das Mammut-Projekt Gorleben nicht einmal im Jahr 2000 zur Verfügung steht? Drittens: Wieviel Restbedarf soll der künftigen Energiepolitik zugrundegelegt werden, und wie ernst gemeint sind die Bekenntnisse zum Sparen?

Vielleicht kann die deutsche „Risiköstudie“ (siehe auch Wissenschaftsseite) einen, kleinen Beitrag dazu leisten, den Streit um Pro oder Contra Nuklearenergie in rationalere Bahnen zu lenken. Aber Zweifel sind angezeigt. In dieser Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, die Hauff jetzt vorgestellt hat, geht es um die Risikophilosophie. Das Schicksal der amerikanischen Rasmussen-Studie, die das Forschungsministerium zu seinem Auftrag anregte, verrät einiges darüber, wie aus solchem wissenschaftlichen Material Gegner und Befürworter, je nach Blickwinkel, politisch Kapital schlagen können.