Von Hansjakob Stehle

Manche hatten an das Gespenst des „Eurokommunismus“ geglaubt und sich gründlich gefürchtet. Andere, die es im Niemandsland zwischen Ost und West umhergeistern sahen, zweifelten an seiner greifbaren Existenz oder erhofften sich von ihm eine neue Offenbarung. In Italien, wo nicht nur das Wort erfunden, sondern die Sache des „Eurokommunismus“ geboren wurde, ereignete sich bei den Wahlen am 3. und 10. Juni das, was alle Geisterseher je nach Blickwinkel enttäuschen oder aufatmen lassen mußte: Der Spuk schien vorüber. Ist er das – oder sind es nur die falschen Erwartungen?

Drei Jahre nach ihrem alle Welt erregenden Erfolg ist die Kommunistische Partei Italiens (KPI) von 34,4 auf 30,4, bei den Europawahlen sogar auf 29,6 Prozent zurückgefallen – obwohl oder gerade weil sie vom orthodoxen, durch das Sowjetmodell vorgezeichneten Wege des „Realsozialismus“ abgewichen ist? Oder aber, weil sie auf ihrem Weg, „den noch niemand gegangen ist“ (KPI-Chef Berlinguer), zwischen den alten und den neuen Ufern stehen blieb?

Das Kopfzerbrechen darüber bringt in den Führungskadern der römischen Parteizentrale in den letzten Wochen immer mehr brüchige Überzeugungen, Unsicherheiten, ja eine unverkennbare Identitätskrise zutage. Schließlich hatte man im Frühjahr der Regierung des Christdemokraten Andreotti die Mitarbeit aufgekündigt und sich auf das Abenteuer von Neuwahlen eingelassen, obschon sich von diesen die Christdemokraten (fälschlich, wie sich herausstellte) viel mehr erhoffen konnten. Doch nicht einmal der Rückschlag bei den Wahlen und der Rückzug in die Opposition befreite die KPI aus ihrem Dilemma. Es ergibt sich nach wie vor daraus, daß ihr eine Rückkehr zu revolutionären und stalinistischen Positionen (aus denen sich am lautesten und glaubhaftesten opponieren ließe) durch bessere Einsicht versperrt ist. Aber andererseits ist der Vorstoß zum eindeutig demokratischen Sozialismus und damit zur Regierungsfähigkeit ebenso verbaut: von der eigenen unbewältigten Vergangenheit und von der Democrazia Cristiana, die – Widerpart und Partner zugleich – nach wie vor nicht gegen die Kommunisten, aber auch nicht mit ihnen regieren kann, ohne sich selbst zu verleugnen.

Dieser gegenseitige Belagerungszustand hat sich durch die schmerzhafte, doch keineswegs einschneidende Stimmeneinbuße der Kommunisten von vier Prozentpunkten, nur noch verhärtet. Welche geradezu tragikomische Formen er angenommen hat, war zu spüren, als der Christdemokrat Francesco Cossiga letzte Woche seine Verlegenheitsregierung dem (unter dem Vorsitz der Kommunisten Hilde Jotti, der Witwe Togliattis, tagenden) neuen Parlament vorstellte: Mit einer tiefen Verbeugung vor den Kommunisten, die „so breite Volksschichten demokratisch repräsentieren und mit der Geschichte unserer nationalen Befreiung so verbunden sind“. Mit der KPI könne es „keine starre Beziehung“ geben, auch wenn sie sich nun entschlossen habe, in die Opposition zu gehen. Auch der Fraktionschef der Kommunisten, Di Giulio, wand sich in der Kammerdebatte wie ein Aal und kündigte eine Opposition „ohne Adjektive“ an, um das Adjektiv dann doch durch die Hintertür zu schmuggeln: „Das soll nicht heißten, daß es nicht eine konstruktive Opposition sein wird.“

Immer kürzer wird indessen die Frist, in der sich durch solche Kunststücke die Grundfrage noch vertagen läßt, die seit 1976 – seit dem ersten halben Schritt zur Regierungsverantwortung – Italiens Kommunisten nicht mehr nur theoretisch bedrängt: „Wie kann in einem Industrieland des Westens eine Linkspartei, die – wie immer sie sich nennt – nicht aufhören will, sie selbst zu sein, also ihr Ziel der Gesellschaftsveränderung nicht verleugnen will, die Schwelle zur Macht überschreiten.“ Dies sei, schrieb der Chefredakteur des Parteiorgans Unita, Alfredo Rechlin, am 9. August, „der wahre politische und materielle Knoten, den aufzulösen uns in diesen drei Jahren nicht gelungen ist“.

Gewiß war bei der Sitzung des Zentralkomitees der Partei Anfang Juli heftig an diesem Knoten gezerrt worden – sozusagen am rechten und am linken Ende zugleich – was ihn eher noch fester verschnürte. Berlinguer schien dann gar nichts anderes übrigzubleiben als über alle Kritik und Selbstkritik hinweg fast krampfhaft an seiner Linie des „Eurokommunismus“ – sprich: Italokommunismus – festzuhalten: Ohne sie hätte die Partei bei den Wahlen nicht einen „vorübergehenden Mißerfolg, sondern eine Niederlage historischen Charakters“ erlitten, gab er zu bedenken. Anders als sein französischer Kollege Marchais versuchte Berlinguer den Schock der Wahlergebnisse nicht in dogmatischen Fluchtburgen aufzufangen, sondern durch geordneten Rückzug in die formale Opposition, ohne doch das Fernzier des großen Kompromisses aufzugeben. Unbeirrt definierte er am 7. Juli den „Eurokommunismus“ als „Versuch, eine Straße zur sozialistischen Umwandlung des Westens zu öffnen, eine Lösung der Krise des Kapitalismus voranzutreiben, die sich von den in den sozialistischen Ländern realisierten und von denen der Sozialdemokratie unterscheidet“.