„Schellings Frauen – Caroline und Pauline,“ von Carmen Kahn-Wallerstein. Daß man über so außergewöhnliche und durch eine so außergewöhnliche Konstellation miteinander verbundene Menschen ein so spießig verplaudertes Buch schreiben kann, ist schon erstaunlich. Caroline, geborene Böhmer, verheiratete und jung verwitwete Michaelis, Mutter eines französischen Besatzungskindes, Frau von August Wilhelm Schlegel und weiblich intellektueller Mittelpunkt der Jenenser Romantik, geschiedene Schlegel schließlich, um den zwölf Jahre jüngeren Schelling zu heiraten; Pauline, verständige und von Caroline als junge Freundin geliebte Tochter ihrer eigenen Freundin Luise Gotter, die dem über Carolines plötzlichen Tod tief verzweifelten älteren Mann zur vertrauten Briefpartnerin wurde, schließlich seine Frau und Mutter von sechs Kindern; Schelling, der schwäbischprotestantische Pfarrerssohn, der trotz seiner Sprödigkeit seine Umwelt bezauberte mit seinem schwärmerisch fundierten Gedankengebäude – das ist wohl ein Thema, das für ein paar Funken gut ist. Aber die Autorin verteilt lieber Noten für moralisch gutes oder schlechtes Betragen. Caroline wird nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“ viel getadelt, Pauline als das personifizierte Dichterwort „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ belobigt. Hier soll wohl, angesichts der vielen Biographien über Caroline, auch ein wenig korrigierende Geschichtsschreibung betrieben werden. Dabei weiß Frau Kahn-Wallerstein sich dem Herrgott nahe und kommentiert Carolines Tod so: „Für Carolinens und Schellings Liebe kam die Nacht vor dem Abend, das Dunkel vor dem Verblassen der Farben, dem Hinwelken des Gefühls vollkommener Erfüllung“ Amen. (Insel Verlag, Frankfurt; 291 S., 34,– DM.)

Petra Kipphoff

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„Feuer in den Kaktushecken“, ein Sardinienbuch von Godehard Schramm. Es ist das Verdienst von ein paar Schriftstellern der Generation von 1968, daß sie die lange tabuierte Natur allmählich wieder zu einem Gegenstand literarischen Interesses machen. Die Rehabilitation der „grünen“ Thematik vollzieht sich über das ökologische Bewußtsein. Während sich manche Autoren der Studentenbewegung von einst immer noch von der urbanistischen Underground-Poesie der Amerikaner antörnen lassen, suchen andere die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit außerhalb der Metropolen. Ein frühes Signal hat Jürgen Becker mit seinem Lyrikband „Das Ende der Landschaftsmalerei“ (1974) gesetzt. Auch Klaus Konjetzky richtet mit seinem Gedichtbuch „Die Hebriden“ (1979) den Blick erneut auf die Landschaft – nicht anders als Godehard Schramm, der sich schon seit längerem mit Gegenden beschäftigt, die noch etwas von ihrer Eigenart, ihrer Ursprünglichkeit bewahrt haben. Auf ein Büchlein mit dem bezeichnenden Titel „Das große und das kleine Europa“ sowie die Sammlung „Nachts durch die Biscaya / 16 Stücke für Landschaften und Personen“ liegt nun dieses einer Sardinienreise vor. Impressionen und Leseeindrücke wechseln ab, und Sinnlich-Konkretes wird mit Reflexionen verknüpft: „Eine Ziegenherde querte die Straße. Der starke Geruch zog hinterdrein ... Das Bedrückende solcher Anblicke ist, daß wir wissen, daß wir dazu nicht mehr zurück können – allenfalls in kurzen Zeiten .. Und doch brauchen wir die Stärke solcher archaischen Lebensformen. Vielleicht auch ihre Dumpfheit, ihre Beschränktheit, ihre Ausschließlichkeit.“ Schramm vergegenwärtigt sich, daß heute nur noch diejenigen Regionen im Einklang mit sich und ihrer zweckfreien Schönheit stehen, die den ökonomischen und technologischen „Machern“ bisher nicht attraktiv genug für umgestaltendes Eingreifen waren. Und während er sich am Anblick von Kühen und Schweinen erfreut, die „noch nicht kaserniert“ sind, gibt der Autor sich keinen Illusionen darüber hin, daß auch die letzten südlichen Idyllen nichts weiter mehr sind als vegetabilische Reservate, bloße Aussparungen einer technokratischen Zivilisation, die ihre Dependancen selbst im macchia-grünen Abseits errichtet hat: „Und wieviel Atombomben liegen, unter welchem Oberbefehl, in den Verstecken der sardischen Berge?“ (Kyrenia-Press, Nürnberg, 1979; 117 S., 15,– DM.) Hans-Jürgen Heise