Stuttgart: Arnulf Rainer „Totenmasken“

Am Anfang seiner Biographie als bildender Künstler radierte Robert Rauschenberg eine Zeichnung von Willem de Kooning aus. In einer vergleichbaren Situation übermalte Arnulf Rainer fremde und eigene Bilder. Der in seiner Umkehrung parallele Akt wird erwähnt, um den Unterschied der Implikationen desto deutlicher zu machen: Was bei Rauschenberg eine einmalige Tat war zum Zwecke der Befreiung von den erdrückenden Vorbildern aus Gegenwart und Vergangenheit, war bei Rainer der Anfang eines Stils, eines Themas, einer Obsession, die er in seinem folgenden Werk in immer neuen Varianten repetiert. Übermalungen, so schrieb Rainer, der im ständigen Wechsel von Aktion und Reaktion sich selber unaufhörlich kommentiert (aber nicht interpretiert), nehme er vor, um schwache Stellen zu vertuschen, aus Liebe und Vervollkommnungsdrang. Daß aus der Übermalung eine Zumalung wurde und der „Rausch der Bedeckung“ schließlich zum Zwang, alles „Ungefähre, Detailhafte, Unruhige durch permanente Überstreichung zu annullieren“, war unausweichlich, denn der Vervollkommnungsdrang ist auch gleichzeitig ein Zerstörungsdrang und zu seinem Wesen gehört, daß er sich nicht erfüllen kann oder will. Mit der doppelten Geste des Zerstörers und Schöpfers hat Rainer dann in Dokumente des Lebens eingegriffen, hat in den Zyklen der „Face Farces“, der „Selbstverwandlungen“, „Verschlingungen“ sich mit Photoüberzeichnungen, die das eigene Abbild exhibitionistisch freigeben, in immer enger werdenden Kreisen von Selbstreproduktion und Selbstzerstörung bewegt. Mit der Serie der „Sterbegesichter“ und der „Totenmasken“ ist er einerseits der letzten Konsequenz der Selbstvervollkommnung in der endgültigen Selbstauslöschung ausgewichen und hat andererseits die Obsession an einen äußersten Punkt getrieben. Totenmasken als letzte Dokumente menschlichen Ausdrucks hat er auf dem Photo übermalt, hat sie seitlich, frontal oder von oben in den Blick genommen, auf hellem Leinen drapiert oder ins dunkle Nichts gestellt und mit der Übermalung eine Passionsgeschichte des Nichtseins inszeniert, hat die Masken in alle Stationen eines Zustands zwischen Mumie und Embryo getrieben, ein Ritual veranstaltet, das, Umkehrprozeß seiner Zumalungen, das Leben im Tod sucht. Was wird das nächste Motiv sein, an dem Rainer seine Obsession erprobt? Daß er vom „Nochniegesehenen, Neuangefangenen, Ungeborenen schon wieder einmal heftig träume“, hatte Rainer 1977 geschrieben. (Die Ausstellung, die im Frankfurter Kunstverein und dann in der Münchner Galerie Friedrich gezeigt wurde, ist jetzt im Württembergischen Kunstverein bis 16. September zu sehen, ergänzt durch berühmte Totenmasken aus dem Marburger Literaturarchiv; Katalog 15 Mark)

Petra Kipphoff

Wichtige Ausstellungen

Aachen: „Sumer-Assur-Babylon, 7000 Jahre Kunst und Kultur an Euphrat und Tigris“ (Neue Galerie – Sammlung Ludwig bis 26. August, Katalog 15 Mark)

Berlin: „Horizonte ’79: Kunst aus Haiti – Moderne Kunst aus Afrika“ (Staatliche Kunsthalle bis 22. August, Kataloge je 15 Mark)

Bonn: „Kunst heute in der Deutschen Demokratischen Republik – Sammlung Ludwig, Aachen“ (Städtisches Kunstmuseum bis 5. September, Katalog 15 Mark)