Enrique Tierno Galvan hat es schwer, seinen Prinzipien treu zu bleiben

Von Volker Mauersberger

Madrid, im August

Als sich die schwere, holzgetäfelte Tür mit einem leisen Schnappen geschlossen hat, istplötzlich Stille ringsum. Der brausende Verkehrslärm, der soeben noch in den heiligen Gängen des alten Gebäudes zu hören war, ist schlagartig verstummt. Nur das Ticken einer Wanduhr ist noch zu vernehmen – fast überdeutlich. Gäbe es die rote, ständig aufflackernde Warnlampe des Telephons nicht, könnte man sich in das Studierzimmer einer alten Universität oder sogar in die sakrale Abgeschiedenheit eines Klosters zurückversetzt fühlen.

Die Vorstellung fällt nicht schwer, daß hier einst Calderon, Lope de Vega und Cervantes ihre Aufwartung gemacht haben. Im Interieur dieses Raumes scheint sich seit Jahrhunderten nichts geändert zu haben. Es ist, als wäre die Epoche der Habsburger noch lebendig – und doch erhebt sich hinter dem Schreibtisch in der Ecke kein Serenissimus mit Perücke, sondern Enrique Tierno Galvan, Sozialist und Bürgermeister der Hauptstadt Madrid im Jahre 1979.

„Ich fühle mich in diesem Raum deswegen wohl, weil er meinen Besuchern so gut gefällt“, sagt der Einundsechzigjährige fast entschuldigend mit einem Blick auf die schweren Wandteppiche ringsum. Er brauchte es nicht zu sagen. Denn die Identität zwischen Person und Amtssitz erscheint derart vollkommen, daß man sich hier, an der „Plaza de la Villa“ von Madrid, nur schwer einen anderen Repräsentanten vorstellen kann. In dieser Umgebung wird verständlich, weshalb der silberhaarige, mit leiser Stimme redende Herr ein Leben lang gegen das Urteil seiner Freunde und Gegner ankämpfen mußte, er sei kein Politiker, sondern eben nur ein „Homme de Lettre“.

Seit der Wahlsieg der spanischen Sozialisten den Professor für Staats- und Völkerrecht in das Bürgermeisteramt von Madrid katapultierte, muß er immer wieder die Frage beantworten, wie dieser seltsame Rollentausch denn zustandekam: Vom Hörsaal der renommierten „Autonoma“-Universität in das zwar ehrenvolle, aber unendliche konfliktreiche Amt eines „Alcalde“, der sich, mit den katastrophalen Problemen einer Vier-Millionen-Metropole herumschlagen muß.