In diesem unglücklichen und nichtswürdigen Europa brach der Krieg nicht am 1. August 1914 aus. Schon vor Jahrzehnten war er ausgebrochen. Wenn auch nicht die sichtbaren Armeen des Imperialismus und Nationalismus marschierten, sich eingruben und sich zerrissen, nicht die sichtbaren Schlacht- und Mordschiffe zerbarsten, die sichtbaren Menschenvögel sich zerhackten: im Ätherraume der Erde kreist der geballte Haß, die böse Tücke, der entfesselte Tod. Jeder, der einen Schimmer sehenden Gefühls hatte, wußte, daß der Krieg nicht drohte, sondern längst ausgebrochen war“ – mit dieser Präzision charakterisierte Walther Rathenau (in seiner 1919 erschienenen Schrift „Der Kaiser – Eine Betrachtung“) die Zeit vor dem großen Desaster. Und mit derselben Genauigkeit, sich auf diese These stützend, hat Karl Ludwig Schneider, der verdienstvolle Herausgeber der Georg Heym-Ausgabe, hier eine so schmale wie beträchtliche Analyse von Heyms berühmtem Gedicht „Der Krieg“ vorgelegt: ein beispielhaftes Stück literarischer Interpretation.

Sich wehrend gegen die hergebracht wortreichen (und falschen) Deutungen von Heym als dem Propheten zeigt Schneider (abgestützt durch einen sehr überzeugenden dokumentarischen Anhang), daß es die Marokko-Krise war, die Heym zu diesem „Gedicht der Angst vor dem Kriege und der Angst vor dem Frieden“ motiviert hatte. Es entstand im Herbst 1911 – und sein Anfang ist in Ton und Wortwahl deutlich abhängig beispielsweise von einem Artikel „Hetzer“ im Berliner Tageblatt vom 7. 9. 1911.

Die kleine Publikation, wird Heym und seinem Werk auf wesentlich seriösere Weise gerecht als Kritiker-Schnulziers wie weiland Paul Alverdes, der Prophetie und Ende gleich zusammen „schaute“: „Wer aber also schaute, mußte vergehen ... der zwei Jahre vor dem Ausbruch des Krieges ertrunken ist, nach dem Gesetz.“ Die Unangemessenheit, mit der hier aus dem banalen Unfalltod des Dichters (der beim Schlittschuhlaufen ins Eis einbrach und ertrank) ein „gesetzmäßiges“ Ende gemacht wird, findet ihre Entsprechung in Franz Leschnitzers Inanspruchnahme Heyms für sozialistische Visionen – „der von ihm nicht mehr erlebten Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“.

Der Beitrag von Joachim Schöberl wehrt das mit derselben ruhigen Geste ab, mit der Schneider auf die wahre Genesis des Krieggedichts verweist (und unterschlägt auch nicht, daß die ersten Hinweise auf diese „materialistische“ Betrachtungsweise dem DDR-Wissenschaftler Hans Kaufmann zu verdanken sind). – Manchmal, so möchte man nach Lektüre dieser vorzüglichen Studie glauben, hat Germanistik doch Sinn.

(9. Beiheft zum „Euphorion“, Zeitschrift für Literaturgeschichte, herausgegeben von Arthur Henkel; Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1978; 108 S., 28,– DM.) Fritz J. Raddatz