Was die Philosophen, die keine Professoren sind, so interessant und so anfechtbar macht, ist ihre herzerfrischend unbefangene Art, über alles und jedes ein Urteil abzugeben. Marx ebenso wie Rousseau, Nietzsche ebenso wie Schopenhauer verdanken es diesem ganz unwissenschaftlich universalen Anspruch, daß ihre Wirkungen weiter reichten als die viel strengerer Denker vom Format eines Kant oder Descartes oder Frege, daß man sie noch heute lesen kann, als hätten sie das Ihre gestern erst geschrieben.

Nun war Nietzsche ja, wenigstens vorübergehend, auch Universitätsprofessor – aber eben nicht der Philosophie, sondern der Altphilologie. Was übrigens für sein Denken und Schreiben bis zum Ende von entscheidender, selten ausreichend gewürdigter Bedeutung war. Es ist der einzige rote Faden, der sich wirklich durch all sein Philosophieren hindurchzieht.

Ein frühes Werk wie „Menschliches, Allzumenschliches“ (1876–1880) lebt noch ganz aus dem Geist der Antike, wenn es sich an „freie Geister“ wendet. Wo immer der Autor einen Vergleich, eine historische Perspektive braucht, werden die Griechen und Römer herbeizitiert.

Ich sehe drei Ursachen dafür, daß „Menschliches“ auch heute noch Gemeingut der Gebildeten ist, die das Buch kennen, wenn sie es auch nicht in jedem Falle gelesen haben.

1. Der Titel hat die Kraft einer guten Schlagzeile. 2. Der schwierige Nietzsche des „Herrenmenschen“ und der „blonden Bestie“, der Weiberpeitsche und der Zuchtwahl, der als Philosoph des Faschismus nicht ganz zufällig in Anspruch genommen worden ist, tritt hier kaum in Erscheinung. 3. Das Werk ist so voll von gescheiten, allgemein gültigen oder provozierenden Sentenzen, jede einzelne einen deutschen Aufsatz wert, wie sonst nur noch Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“. Pointiert könnte man Nietzsches Gegenstück nennen: Aphorismen zur Lebensdummheit.

Drei Zitate:

„Ein wesentlicher Nachteil, welchen das Aufhören metaphysischer Ansichten mit sich bringt, liegt darin, daß das Individuum zu streng seine kurze Lebenszeit ins Auge faßt und keine stärkeren Antriebe empfängt, an dauerhaften, für Jahrhunderte angelegten Institutionen zu bauen.“