Durch den Dom von Bamberg toben, morgens gleich nach der „Öffnung“, ungefähr sechs Schulklassen, die Lehrer mit blankem Gesicht sind froh, daß der Herrgott hier die Aufsichtspflicht hat. Zur Festung Marienberg, dem wuchtigen Wahrzeichen von Würzburg, knattern die Autos und Mofas in Schlange hinauf, schneidig. jede Steigung überwindend und auch die allerletzte Toreinfahrt hinter sich lassend, erst die Eingangspforte zum Museum kann ihren kulturellen Elan bremsen. In Banz, Dientzenhofers majestätisch barocker Klosteranlage über dem Main bei Staffelstein, ist am Eingang der Kirche ein Schild, auf dem die Besucher gebeten werden, auf Picknicks innerhalb des Gebäudes doch zu verzichten. Die Banz gegenüberliegende Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen, Balthasar Neumanns heiter erlösendes Einkehrangebot an die Mühseligen, Beladenen und Bußfertigen, ist gesäumt von einer Budenstraße mit Souvenirs, durch die Kirche selber schleichen einäugige Menschen, die Kamera im Anschlag.

Kultur ist für alle da, gewiß, gewiß, und kürzlich hieß sogar ein Buch so. Bald allerdings ist Kultur für alle nicht mehr da. Denn Kultur ist, wie wir ja gerade von den Kritikern eines etablierten Kunstbegriffs wissen, keine feste Größe, sie verändert sich in ihrer Substanz. Sie erweitert sich, davon war in den letzten Jahren viel die Rede. Aber was wachsen kann, kann auch vernichtet werden, und an die alltägliche Vernichtung von Kultur haben wir uns ganz zwanglos gewöhnt.

Man könnte sagen, daß es besser ist, eine Kinderschar durch den Bamberger Dom zu jagen, als sie den Comics zu überlassen; daß es besser ist, wenn ein junger Mann mit dem Mofa zur Feste Marienberg dampft statt in den Flipper-Salon; daß es besser ist, wenn ein Tourist durch die Kamera auf die Jungfrau Maria glotzt statt auf André Heller in der Glotze. Man könnte sagen, daß diese Dinge von Menschen für Menschen gemacht wurden und daß sie Schaden nehmen nur durch Handgreiflichkeiten, nicht aber durch die Existenz von dreistem Desinteresse und ignoranter Inbesitznahme auf Zeit.

Aber das stimmt ja nicht. Denn der Bamberger Dom und das Kloster Banz sind ewige Größen nur im Lexikon. In Wahrheit sind sie verletzlich und vergänglich wie alle Dokumente und Monumente der Kultur. Und sie werden nicht nur in ihrer ästhetischen Qualität oder materiellen Substanz bedroht durch Betonbauten daneben und Überlandleitungen darüber, Benzinwolken und Kaugummispucker. Sie werden auch und vielleicht noch mehr ausgehöhlt durch die Busfahrer, die die Wallfahrer abgelöst haben, die somnambulen Knipser, die raschen Käufer von Postkarten und Andenken, die unter Aussparung des Anblicks des Originals es in effigie davontragen. Wer ein paar Bilder schießt, und sonst gar nichts, der vernichtet auch ein paar Bilder, der zerstört einen Zusammenhang, verletzt eine Immunität, frikassiert ein Gebilde aus Phantasie und Arbeit, Kalkulation und Obsession, Kunst und Kultur zum handlichen Abtransport.

Wem nützt es, daß jede Menschenattrappe in Shorts durch jede Kirche dröhnen und ihr die Ehre seiner Dias-Sammlung geben kann? Nicht der Kirche, die zum Steinbruch wird. In Maßen dem Knipser, der Zeit totgeschlagen und gleichzeitig etwas zur Anhebung seines Ansehens bei den Daheimgebliebenen tun kann. Bestimmt dem Tourismus, den man die Industrie zur planmäßigen Vernichtung von Kunst und Kultur nennen kann. Solange nur die Übernachtungen zunehmen, ist alles in Ordnung. Die Mofas werden bald im Kirchenschiff einen Parkplatz zugewiesen bekommen.

Vom Kölner Dom werden eines Tages nur noch die Andenken übrig bleiben. Aber weil er als Bauwerk noch vorhanden ist, wird das kaum jemandem auffallen. Petra Kipphoff