Margaret Thatcher braucht einen zweiten Wahlsieg, um England zu kurieren

Von Karl-Heinz Wocker

London, im August

Die ersten 100 Tage der Regierung Thatcher haben England tatsächlich verändert: Die Inflation, die auch die Labour-Regierung nicht mehr meistern konnte, zieht nun praktisch ohne jede Kontrolle davon.

Margaret Thatcher, die das britische Volk aus der Zwangsjacke des Staatsdirigismus befreien möchte, sieht mit leichter Beunruhigung, daß die so Beglückten nun die ersten Anzeichen von Frustration zeigen. Noch lassen sich die Teuerungsraten – Kabinettsvoraussage für den Herbst: rund 18 Prozent – auf die Lohnrunde des letzten Winters, sowie die Rohstoffpreise, insbesondere das Öl, schieben. Aber da die Briten täglich hören, nun werde ihr Treibstoffbedarf schon zu 90 Prozent aus der Nordsee gedeckt, sticht diese Erklärung nicht recht. Zudem haben die ersten Maßnahmen der neuen Regierung auch die Preise „freigesetzt“: Die Mehrwertsteuer wurde von acht auf 15 Prozent angehoben; damit gleicht der Finanzminister eine Senkung der direkten Steuern aus. Abgeschafft worden ist die Preisbehörde, die unter Labour zwar auch keinen Damm gegen steigende Lebenshaltungskosten bilden konnte, aber manche Verteuerung hinauszögerte.

Frau Thatcher ist ein großes Risiko eingegangen: Werden die nach dem Wahlsieg belohnten mittelständischen Schichten die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen? Werden Aktionäre, deren Gewinne nicht mehr gebremst, Manager, deren Gehälter endlich ziviler besteuert, Finanzgesellschaften, deren Kapitalgebaren von weniger Beschränkungen umgeben sind, nun, da man sie „freigesetzt“ hat, die Ärmel hochkrempeln, Geld in neue Arbeitsplätze investieren, die Gewerkschaften auf den Pfad einer gutbezahlten Leistungsgesellschaft à la Bundesrepublik fortziehen? Oder werden sie genau wie unter der konservativen Regierung Heath 1970–1974 verfahren, das heißt: Sanieren sie sich erst einmal ausgiebig für die Jahre der Entbehrungen und warten im übrigen ab, in welchem Maß die inflationsschürende Lohnrunde 1979/80 die Pläne der Thatcher-Regierung über den Haufen stößt?

Macmillans Vermächtnis