Einhundertneunundfünfzig Abgeordnete sind seit der Konstituierung des ersten Bundestages in den Stiefeln gestorben

Walter Henkels, der Bonner Schlachtenbummler, spricht von der modernen Form des Selbstmords. Der Altparlamentarier Hermann Höcherl von der CSU klagte, daß Bonn einsam und leer mache. Liselotte Funcke, die Bundestags-Vizepräsidentin aus den Reihen der FDP, konstatiert, daß man zäh sein müsse, körperlich und seelisch. Und die sozialdemokratische Fraktionsführerin Helga Timm sagt, nur bei Erfolgserlebnissen könne man eine Menge leisten; die aber seien keineswegs die Regel. Alle vier beschreiben nur verschiedene Symptome der gleichen Krankheit. Sie meinen den Streß in Bonn.

Ein Heilmittel gegen ihn ist noch nicht entdeckt worden. Dann lebte womöglich auch noch der SPD-Abgeordnete und Vizepräsident Hermann Schmitt-Vockenhausen, der gerade zu Grabe getragen worden ist. Auch für ihn galt, was die Mediziner bei den Parlamentariern schon immer in besonderem Maße diagnostiziert haben: starke psychische und physische Belastung, mangelnde Bewegung, Übergewicht, häufige Reisen mit oft raschem Zeit- und Klimawechsel.

Aber wie soll man angehen gegen Termindruck und Hetze, gegen die endlosen Sitzungen, den immer komplizierteren politischen Stoff oder die Mädchen-für-alles-Rolle im Wahlkreis? Der Bundestag versteht sich, wie die Politologen sagen, sowohl als Rede- wie als Arbeitsparlament. Er will ebenso die großen politischen Themen debattieren wie sich in die Einzelheiten knien.

Doch die Politologen haben gut reden, wenn sie dem Hohen Haus empfehlen, sich für eine der beiden Rollen zu entscheiden, weil deren Verquickung nur die Mängel vermehre. Denn kümmerte sich der Bundestag nicht um die großen Themen und Entscheidungen, könnte er gleich abdanken. Ließe er hingegen die Einzelheiten beiseite, begäbe er sich der letzten Chance, der ohnehin fast schon übermächtigen Exekutive auf die Finger zu sehen. Auch in der Politik steckt der Teufel im Detail.

Natürlich sind viele Abgeordnete, so eine Abwandlung von Hans Apels bekanntem Wort, auch wie Pferde, die sich selber treten. Politischer und ganz persönlicher Ehrgeiz mischen sich bei jedem. Das Bild vom Parlamentarier, der sich immer nur für das Gemeinwohl verzehrt, ist deshalb licht. Aber die berühmten Sachzwänge und dazu die politische und persönliche Konkurrenz Schaffen ein System, in dem jeder jeden in Atem hält. Wenn man sich dabei zu lange an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit bewegt oder sie sogar überschreitet, wird es kritisch, meistens für Herz und Kreislauf.

Hermann Schmitt-Vockenhausens Schicksal, den ein schleichendes Leiden, Magenkrebs, heimgesucht hat, ist deshalb gar nicht so charakteristisch. Kennzeichnender, dies nur Beispiele aus der gegenwärtigen Legislaturperiode, war das Los etwa des Abgeordneten Hermann Spillecke (SPD), den man in seinem Bundestagsbüro tot auffand: Herzversagen. Oder der Tod Alfred Olleschs (FDP), der seinen Wagen auf der Autobahn gerade noch rechtzeitig beiseite steuern konnte: Herzinfarkt. Oder das einsame Ende des Parlamentarischen Staatssekretärs Egon Höhmann (SPD), den sein Fahrer morgens in der Wohnung abholen wollte: Gehirnschlag. Alle drei waren in den besten Jahren.