Die Kohleverflüssigung kann katastrophale Folgen für das Klima auf der Erde haben

Von Günter Haaf

Die Reihen fest geschlossen wie einst im Reich, so sollen Kohle und Chemie die Gefahr fürs Abendland abwenden. Der Kreuzzug technologischer Art gilt, wie könnte es anders sein, der Gefahr aus dem Morgenland – der Gefahr, die ölsüchtigen westlichen Industriestaaten könnten in die totale Abhängigkeit von den mittelöstlichen Petroleum-Dealern geraten.

Deutsche Minister wollen, vereint mit Kohle- und Chemie-Managern und -Technikern, das lange Zeit vernachlässigte, schwarze Gold aus heimischer Erde durch gigantische Verflüssigungs- und Vergasungswerke filtern und so nach und nach das erreichen, was Hitlers Kriegswirtschaft einst vorexerzierte: Autarkie in Sachen Treibstoff – oder zumindest eine geringere Abhängigkeit von Ölscheichs jedweder Art.

Im Bunde mit den deutschen Kohle-Enthusiasten sind die schlimmsten Energieverschwender aller Zeiten, die USA; Präsident Jimmy Carter verkündete eine Art Apollo-Mondschußprogramm für die Kohleveredelung, das die nationale Schmach von täglich 8,5 Millionen Barrel Öl-Importen (knapp 1,5 Millionen Tonnen) zumindest teilweise tilgen soll. In seltener Einheit zog das amerikanische Repräsentantenhaus mit dem ungeliebten Präsidenten an einem Strang und verabschiedete am 26. Juni ein Gesetz, wonach sich die US-Regierung verpflichtet, bis zum Jahr 1985 täglich 500 000 und bis 1990 täglich zwei Millionen Barrel synthetische Treibstoffe aus Kohle zu kaufen – ein Kraftakt, der den amerikanischen Steuerzahler allein für die Einhaltung des ersten Produktionszieles zwischen 18 und 22 Milliarden Dollar kosten wird.

Kritik an den ehrgeizigen Kohleveredelungsprogrammen wurde in der Bundesrepublik und in den USA bislang allenfalls von Finanzexperten laut, denen die Kostenrechnungen zu optimistisch schienen, und von Bergbaufachleuten, die den nötigen Zuwachs der Kohleförderung aus technologisch-organisatorischen Gründen für nicht erreichbar hielten. Nun aber meldeten sich in den USA mehrere Gruppen zu Wort, deren Einwände sich als Dolchstoß für die Hydrierwerk-Euphorie erweisen könnte:. Der ungehemmte Ausbau von Kohleveredelungsanlagen kann demnach – neben schwerwiegenden lokalen Umweltbelastungen – eine vielleicht katastrophale weltweite Klimaveränderung auslösen.

Mit einer „sehr wichtigen und vielleicht historischen Warnung“ sprach unlängst das „Beratungsgremium für Umweltqualität“ des US-Präsidenten, kurz CEQ, seinen Chef Chef Jimmy Carter an. Das Gremium, vier hochkarätige Wissenschaftler, warnte die Energiepolitiker vor einer folgenschweren Aufheizung der Atmosphäre durch die Freisetzung von Kohlendioxid durch die massive Verbrennung fossiler Energieträger. Vor allem aber weisen die Forscher darauf hin, daß bei der Produktion und beim Verbrauch von synthetischen Treibstoffen pro Energieeinheit sehr viel mehr Kohlendioxid freigesetzt wird als bei der direkten Verbrennung von Kohle: „Wir sind davon überzeugt, daß eine angemessene Reaktion auf den wachsenden weltweiten Druck bei der Energieversorgung auch die Berücksichtigung des Kohlendioxid-Problems als untrennbaren Bestandteil jeder geplanten Energiepolitik erfordert.“