Mit falschen Etiketten wird, die Diskussion um Lohnzuschläge für die Arbeitnehmer aufrechterhalten

Die nachrichtenarmen Sommermonate machen’s möglich: Nessie, das legendäre Ungeheuer von Loch Ness, ist wieder einmal aufgetaucht. Diesmal hört sie auf den deutschen Namen Nachschlag. Ob sie wirklich existieren, Nessie und der Nachschlag, oder sind sie nur eine Ausgeburt der Phantasie?

Nachschlag, das heißt Lohn- und Gehaltserhöhungen zusätzlich zu den tariflich vereinbarten Anhebungen vom Frühjahr dieses Jahres. Nachschlag, das heißt aber auch: Gefahr eines „heißen Herbstes“ und damit – wie 1969 und 1973 – illegale, wilde Streiks außerhalb der Kontrolle der Gewerkschaften und Sonderzahlungen der Unternehmen, außerhalb der Kontrolle der Arbeitgeberverbände.

Die Erinnerung an diese beiden dunklen Jahre in der Geschichte der Arbeitnehmer- wie der Arbeitgeberorganisationen in der Bundesrepublik ist noch frisch. Lebendig geworden ist sie wieder, seit die Ölpreise hochgeschnellt sind.

Einen „heißen Herbst“ wünscht sich gewiß niemand. Schließlich ist das soziale Klima in der Bundesrepublik schon seit einigen Jahren nicht mehr so stabil wie einst in den Zeiten des gemeinsamen Wiederaufbaus. Gerade erst haben die Sozialpartner nach mehr als drei Jahren den Gesprächsfaden wieder aufgenommen, der nach der Mitbestimmungsklage der Unternehmer abgerissen war. Ein stürmischer „heißer Herbst“ würde dies zarte Pflänzchen womöglich entwurzeln.

Und doch scheint es Leute zu geben, die den „heißen Herbst“ herbeireden wollen. In Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen ist das Thema Nachschlag ein Dauerbrenner in der Sauregurkenzeit. Und da sie ständig danach gefragt werden, äußern sich auch Politiker und Wirtschaftler immer wieder dazu. Erst bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, daß das, worüber so lang und breit geredet wird, gar keine Nachschläge sind, sondern Trugbilder wie das Ungeheuer von Loch Ness. Viel Lärm um nichts also, und die Medien spielen mit – koste es auch ein Stück sozialen Frieden.

Denn die Vereinbarungen beispielsweise, die bisher in einigen wenigen Unternehmen, vor allem aus dem baden-württembergischen Raum, zwischen Betriebsräten und Firmenleitungen geschlossen wurden, sind der Öffentlichkeit unter falscher Flagge präsentiert werden. Zum einen sind sie teilweise mehrere Monate alt – also nicht im Zuge der jüngsten Preisentwicklung entstanden –, zum anderen sind es Abmachungen über ganz normale Prämien für Überstunden.