Von Heinz Josef Herbort

Die fuochi artificiali, die in der Regel knallend und sprühend den höhepunktartigen Abschluß einer Festivität markieren, fanden ausnahmsweise, aber völlig zu Recht schon am ersten Abend statt. Wenn am Ende des romantischen Balletts „I Muti di Portici“ das Wäschermädchen Fenella – enttäuscht darüber, daß Don Alfonso, der spanische Vizekönig von Neapel, sie nicht nimmt, obwohl er ihr doch einen Ring ansteckte – sich in den Krater des Vesuvs stürzt, speit der schlummernde Vulkan tief erschrocken Feuer und glühende Asche.

Mehr noch. Aus den vier Ecken der Piazza Grande, wo vier bandas sitzen, die einheimische Musikkapelle und die aus den umliegenden Städten, dringt ein sich in höchste Konfusion steigernder Lärm: Jede der bandas spielt ihr Glanzstück, Verdi hier, Rossini dort, Bellini links, Donizetti rechts, und von den Wänden der Palazzi und des Doms, des Rathauses und des Amtsgerichts hallen die Klänge wider, durchdringen einander zu einem nicht mehr identifizierbaren Gemisch – das totale Durcheinander der Melodien, Rhythmen und Klangfarben spiegelt das absolute Chaos in den Beziehungen der Personen auf der Bühne wider. Und darüber dann noch das Böllern und Funkeln der Raketen.

Denn nicht so sehr der tragische Bühnentod eines Wäschermädchens verdiente die pyrotechnische Überhöhung als vielmehr die Tatsache, daß gleich dieser erste Abend, an dem drei einheimische Amateur-bandas mit Profis aus London einander abwechselnd die Orchestermusik für ein großes Ballett liefern, anzeigte, daß der Cantiere Internazionale d’Arte von Montepulciano in seinem vierten Jahr wieder zu seinen ursprünglichen Zielen zurückgefunden hat. Im vergangenen Jahr war schließlich der Eindruck entstanden, als könnten die hochfliegenden Pläne und löblichen Absichten über die Anfangseuphorien nicht weit hinauskommen, als müsse auch die „Kunstbaustelle Montepulciano“ den Weg zu den austauschbaren Gastspielprogrammen mit von Festival zu Festival reisenden Künstlern gehen.

Gerade dieses bloße Vorzeigen eingekaufter Kunstwaren aber hatte Montepulciano doch vermeiden wollen. Offenbar gehört aber die ganze Autorität und das Engagement, vor allem auch die Phantasie eines sich total in seine Sache Verbeißenden wie des in Rom lebenden deutschen Komponisten Hans Werner Henze dazu, das scheinbar so Einfache zu erreichen: Menschen aus einer abgelegenen toskanischen Kleinstadt ein ganzes Jahr hindurch zu schulen, hinzuführen zu einer eigenen künstlerischen Produktion (und zuvor in mühsamen und immer wieder neuen Bettelgesprächen und briefen bei den entsprechenden Behörden und Organisationen das notwendige Geld lockerzumachen). Henze aber war im vergangenen Jahr durch einen Herzinfarkt und die anschließende Rekonvaleszenz-Pause an der Teilnahme am Cantiere verhindert.

Montepulciano 1979. Nachdem Jahre hindurch an den Elementarschulen kein Musik- und Kunstunterricht gegeben werden konnte, weil sowohl die Planstelle fehlte als auch eine entsprechende Lehrkraft; nachdem die örtliche Musikschule ihren Betrieb einstellen mußte, weil die Schüler ausblieben; nachdem selbst die banda, die Musickapelle des Ortes, allmählich zu so gut wie nichts mehr zu gebrauchen war – hat kürzlich eine russische Geigerin nach Montepulciano geheiratet und gibt jetzt privaten Unterricht, leitet aber auch den Chor der Elementarschule, der im Abschlußkonzert des Cantieres in Monteverdis „Marienvesper“ mit rührender Geduld und in festlich weißen Blusen auf seinen Einsatz wartet und bei den „Sancta Maria, ora pro nobis“- Einwürfen den ganzen Stolz, erstmals bei einem künstlerischen Ereignis mitwirken zu dürfen, in die Stimmen wie in die Mienen legt. Da ist seit einem halben Jahr ein im Organisationsbüro des Cantiere groß gewordener junger Mann von der Kommune Montepulciano als Musiklehrer angestellt mit der Nebenverpflichtung, den mehr am Sport interessierten • städtischen Kulturreferenten zu entlasten; hat ein englischer Trompeter behutsam den Bläsern der banda gezeigt, wie man bestimmte schwierige Stellen bei Verdi und Rossini besser blasen kann; haben drei junge Montepulcianer eine Firma gegründet und drucken nun das Programmheft; hat ein Achtzehnjähriger, der bei den ersten Cantieri durch gute Photographien aufgefallen war und dem man daraufhin einen Studienplatz an einer Photoakademie in Rom verschaffte, sich ein Herz gefaßt und ein Stück geschrieben darüber, was passiert, wenn ein Bauer glaubt, eine Madonna habe ihm das baldige Ende der Welt verkündet; haben Kinder aus Montepulciano Vorhänge und Masken zu dieser Komödie entworfen; spielen Kinder Erwachsene und Erwachsene die scheinbar Mächtigen dieser Gesellschaft, den Bürgermeister, den Bischof, den Marschall, den Teufel, den Engel, und alle sind sich einig: Habt doch keine Angst vor dem Ende der Welt.

Populismus? Volkskunst wie bei uns im Ohnsorg-Theater oder im Komödienstadel? Vielleicht. Und wenn schon. Die da gesungen und gespielt haben, taten es mit mehr Begeisterung, mehr Mut, mehr Fleiß als mancher unserer Profis hierzulande. Und sie saßen am Tag darauf im Konzert des Cantiere-Sinfonieorchesters oder des London Chamber Choir und haben, vielleicht zum erstenmal, bewußt gemerkt, wie gut man sein muß, um so gut spielen und singen zu können. Und daß zahlreiche Montepulcianer inzwischen ihren „Urlaub“ so legen, daß sie in dieser heißesten Zeit des Jahres nicht am Meer hocken, sondern zu Hause sind, wo sie ein Abonnement für den ganzen Cantiere haben, hätte sich vor drei Jahren niemand träumen lassen.