Wirtschaftskrisen sind allem Anschein nach kein Privileg des Kapitalismus mehr. 30 Jahre nach Gründung des sozialistischen „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) leidet auch Osteuropa unter gestiegenen Rohstoffpreisen, Inflation und mangelhafter Produktivität.

Ende Juni trafen sich die Wirtschaftsexperten des Ostblocks in Moskau zur 33. Tagung des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Sie kamen nicht zum Befehlsempfang in die Zentrale, aber doch aus ernstem Anlaß. Die Sowjetunion und die osteuropäischen Länder stehen nach 30 langen Jahren des kaum krisenanfälligen Aufstiegs aus der reinen Mangelwirtschaft ziemlich unversehens vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten, für die sie nicht gerüstet sind: Die Rohstoffe werden knapper, die Weltmarktpreise steigen, die Produktionsqualität läßt zu wünschen übrig, die Herstellungsverfahren liegen unter dem Standard westlicher Industrieländer, der Rückstand im technisch-wissenschaftlichen Know-how ist noch bei weitem nicht aufgeholt.

Weitere hausgemachte Probleme kommen hinzu: Das Ungleichgewicht Von, umlaufender, Geldmenge und beschränktem Güterangebot auf dem Markt hat nicht nur zu erheblicher Unzufriedenheit in der Bevölkerung geführt, die ihre übervollen Sparstrümpfe nicht nach eigenem Belieben leeren kann, sondern auch zu der Notwendigkeit, aus gesellschaftlichen Fonds subventionierte Verbrauchsgüter und soziale Dienstleistungen in ihrem Preis den tatsächlichen Gestehungskosten anzupassen bzw. sogar durch überhöhte, politische Preise Kaufkraft abzuschöpfen.

Die alte Übung, Jahr für Jahr die Realeinkommen der Arbeitnehmer und Rentner um einige Prozent anzuheben, gleichzeitig aber die Konsumgüter des Grundbedarfs auf einem Preisniveau der Nachkriegszeit eingefroren zu lassen, war nicht mehr länger zu finanzieren. Die Schere klaffte zu weit auseinander, ohne daß im gleichen Verhältnis wachsende Produktivität oder kurzfristig abzuschreibende Rationalisierungsmaßnahmen entsprechende Beträge im Herstellungsprozeß hätten freisetzen können.

Die Decke wurde zu kurz: Steigende Rüstungsausgaben, zunehmend teurer werdende internationale Verpflichtungen und vor allem eben die ungeheuren Kosten der propagandistischen Vorgabe, den ideologischen Gegner im Westen auch im materiellen Lebensstandard schlagen zu müssen, führten die osteuropäischen Staaten eher noch als die ressourcenstarke Sowjetunion geradewegs in den Bankrott.

Ungarn und Rumänien zogen als erste die Notbremse. Rumäniens Conducator Ceausescu scherte als einziger Staats- und Parteichef des Ostblocks aus dem Rüstungswettlauf aus: Rumänien gibt in diesem Jahr für sein Militär nicht mehr aus als 1978. Und in einer Rede vor den traditionell aufmüpfigen Bergarbeitern des Schiwtales vor wenigen Tagen setzte er noch einen oben drauf: „Wir sind jedoch der Ansicht, daß eine Grenze erreicht wurde, jenseits der sich die Militärausgaben zum Sicherheitsrisiko zu entwickeln beginnen; sie laden den Völkern solche Lasten auf, daß sie jeder Nation und dem Weltfrieden große Schwierigkeiten bereiten werden.“

Ungarn erprobt derweil Rezepte der Marktwirtschaft. Durch die allmähliche Einführung von Markt- und Wettbewerbsprinzipien zwischen erfolgsverantwortlichen Unternehmen sonderte es eine Vielzahl auch auf dem Binnenmarkt nicht mehr konkurrenzfähiger Produkte und Betriebe aus dem Wirtschaftsleben aus. Der Vorteil dieser Strategie sind marktgerechte Preise und Produkte; endlich Kalkulationen, die einer wirtschaftlichen Überprüfung standhalten und Zukunftsplanung möglich machen; und nicht zuletzt eine grundlegende Verbesserung der Exportchancen in den begehrten harten Devisenmarkt des Westens, Die Nachteile scheinen den Ungarn erträglich: Steigende Preise bei womöglich stagnierendem Lohn und eine begrenzte Arbeitslosigkeit.