Denn wenn es dem Menschen schon schwerfällt zu lernen“, hatte der vor hundert Jahren gestorbene Violett-le-Duc, ein Rebell gegen die Stil-Eklektiker, gelästert, „fällt es ihm noch viel schwerer zu vergessen“ – die Stile nämlich, die er in der Kleiderkammer der Geschichte findet und nach Lust und Laune (oder aus Verlegenheit) Gebäuden anlegt, statt gute Architektur zu versuchen, eine eigene jedenfalls. Manchmal gelingt das nicht, wie nun in Aachen zu betrachten ist.

Wohl an die hundertzwanzigtausend Aachener Bürger waren kürzlich auf den Beinen, um die Vollendung zu feiern, die endlich der Wiederaufbau ihres Rathauses erfahren hat. Es hat wieder Türme, die vierten in seiner Geschichte, jedoch die ersten, vor denen sich die Gegenwart gedrückt und Ausflucht in die Historie genommen hat. So erinnern sie an die Türme, die Albrecht Dürer 1520 mit einem Silberstift verewigt hat, und sehen, mit dem eigenartigen Schick unserer fünfziger Jahre versehen, nun irgendwie gotisch aus.

Das sollten sie sogar, nachdem alle Versuche danebengegangen waren, den gotischen Prachtbau mit etwas Modernem zu pointieren, so, wie es doch seit dem vierzehnten Jahrhundert üblich war, als die Stadt den heruntergekommenen karolingischen Königsbau übernahm und auf seinen Fundamenten ihr Rathaus baute: einen rechteckigen Bau mit fünfmal drei Fenstern, im zweiten Stockwerk die aula regia Karls des Großen, der Kaisersaal mit seinen zehn mächtigen Kreuzgewölben. An den Schmalseiten errichteten sie zwei Türme, im Westen den runden Marktturm mit einem Kegeldach, im Osten den quadratischen Granusturm mit einem Pyramidendach, und setzten ihnen zwei sich ähnelnde Laternen als Spitzen auf. So kennt man sie auch von Merian und seinesgleichen.

Alle Entwürfe: enttäuschend

Die zweiten Türme bekam das Rathaus 1656, nachdem die ersten bei einem großen Feuer verbrannt waren. Jedoch, so steht in einer Fibel zu lesen, die die Stadt unlängst zum Turmthema hat drucken lassen, der barocke Rat „hatte eine klare Vorstellung von der neuen Fassung der Türme und beauftragte bereits nach zehn Tagen ... den Stadtzimmermeister“ mit der Errichtung neuer Turmhelme. Es wurden, selbstverständlich, barocke Helme, auch das Rathaus selber nahm Züge der neuen Zeit an.

Das dritte Paar Türme entstand nach 1883, wiederum nach einem neuen Brand. Die Stadt schrieb einen Wettbewerb aus, es gingen dreizehn Entwürfe ein, 1902 weihte Kaiser Welheim II. die Türme des Architekten Georg Frentzen ein. Es waren wilhelminische Rathaustürme, viel zu groß und sehr schwülstig.

1943 und 1944 wurde fast das ganze Rathaus von Bomben zerstört, 1953 war der Wiederaufbau beendet – bis auf die Türme. Erst viele Jahre später machte die Stadt drei Versuche, sie zeitgemäß zu erneuern. Der erste wurde endlich 1963 unternommen, dann gab es 1966 unter Studenten den zweiten, 1968 den dritten Wettbewerb, doch kein Entwurf war tauglich, die meisten waren sehr komisch. Und eines Tages, erzählt ein Beobachter der Szenerie, „zog dann Doktor Hugot einen Entwurf aus dem Zylinder“. Leo Hugot, zugleich Dombaumeister und Stadtkonservator, hatte den nostalgischen Nerv der Zeit getroffen und alle, sogar den Landeskonservator zufriedengestellt, und es winkte auch das Zukunfts-Investitions-Programm der Bundesregierung mit viel Geld. So bekam das vor dem Abriß bewahrte, rekonstruierte Rathaus seine Türme. Ihr „Stil“? Eine Art Gotikverschnitt.