ZDF, Dienstag, 21. August, 22.45 Uhr: „Franz Schubert: Fremd bin ich eingezogen“, Film von Titus Leber

Es ist Winter, der Frost knarrt, der Leiermannhat Hunger, Krähen kreischen, ineinem kahlen Zimmer liegt ein todsterbenskranker Mann im Bett. Man hört Klaviermusik, eine Stimme sagt Zimmer den Satz „Fremd... fremd bin ich eingezogen..., fremd zieh ich wieder aus“ auf. Allmählich holt ihn sich die Kamera näher, man erkennt die ovalen Brillengläser und weiß: Franz Schubert, unrasiert, mit rissigen Lippen, blaß, sehr einsam. Er summt. Den Biographen folgend, handelt es sich um den 17. November 1828, zwei Tage vor dem Ende, der Tag, an dem der typhuskranke, verzweifelnde Komponist zu delirieren angefangen hatte. „Vielfach singt er“, notiert sein Freund Spaun.

Das sind die geheimnisvollen und bedrückenden Momente im Leben Franz Schuberts, die sich Titus Leber, sein Landsmann, zum Thema genommen und daraus eine Phantasie über die Phantasien seines Helden gemacht hat, mit allen Raffinements der Filmtechnik, mit Doppelkopierungen, vor allem mit Überblendungen, die es zulassen, daß Schubert im Bett liegt, während er sich, in einer schwarzen Pelerine durch einen verschneiten Weinberg stapfend, übers Gesicht läuft. Lauter fahle Bilder, lauter schöne verschleierte Metaphern, der Zuschauer schwebt in Wolken trauriger Träume.

Bis er runterfällt. Denn um diesen Film nicht bloß zu genießen, sondern auch Zu verstehen, muß er so ziemlich alles über Schuberts Leben, vor allem über die letzten Jahre wissen und den ganzen Liederzyklus der „Winterreise“ im Kopf haben, auf die der Komponist hier ja um eines „Psychogramms“ willen geschickt wird.

Es gibt in diesem ehrgeizigen Film kein Wort, das mit Erklärungen in die weihvolle Tragik einbräche, nur ein paar böse Bemerkungen gegen die Ignoranz der Wiener und der Welt überhaupt, gegen Schuberts Verkitscher, dazu ein paar wild gepflückte Zitate, auch vor Bedeutung, überhaupt, Sätze wie diese: „Beethoven, wer vermag nach Beethoven noch etwas zu schreiben?“

Vor allem aber braucht man die Liedertexte, die im Hintergrund gesungen werden und, wie alle hier bemühten Musiken, mehr mit den Augen als den Ohren wahrgenommen werden. Sie sind es ja, die als biographische Seelenbilder ausgegeben werden und den 65 Minuten langen Film auf eine oft triviale Weise wörtlich illustrieren,

Das Personal, das daraus abgeleitet wird, ist fabelhaft: Schubert im Bett, im Schnee, auf Kutschfahrt, Schubert als der Zwerg, vor einer Schwangeren, der Mutter wohl, darin ein Fötus, die Gestalt Schuberts annehmend, ein biedermeierisch wehendes Mädchen am See, der Tod und das Mädchen, das davonläuft, ein Amor, der sich die Augen zuhält und an seinen Flügeln schnippelt, eine nackte Nymphe, ein Kutscher, der herzzerreißende Leiermann, der Vater auf dem Stuhl, der mit dem Sohne auf dem Schoße reitet so spät.