Zwar meinte kein geringerer als Ernst Bloch, „Provinz“ sei ein guter Name und verdiene gerettet zu werden, aber Martin Walser war der Ansicht, das Wort „Provinz“ sei nicht aussprechenswürdig, denn aus diesem Wort spreche eine von der Stadt her behauptete-Maßstablosigkeit.

Ich komme aus der Provinz, die man das Jeverland nennt, und ich bin stolz darauf, jeverland, einst zur Region der Friesen gehörend, zur Region der Friesen, deren Sprache verdrängt wurde durch die Sprache der mächtigen Hanse: durch das Niederdeutsch. Jeverland: von der Friesenhäuptlingstochter Maria den absoluten Herrschern Oldenburgs vermacht. Jeverland: an die anhalt-zerbstischen Fürsten verschaukelt. Jeverland: der russischen Zarin Katharina vermacht. Und so weiter und so weiter. Jeverland: Sagte einst des Fürsten Kammerherr: Dies Land ist wie ein Mehlsack. Kein Mehl ist mehr darinnen. Doch wenn man darauf klopfet, bringt er noch was: den letzten Mehlstaub.

All dies Wissen hat mich, den Provinzler, wachsam und stolz gemacht. Karrierebewußte Schranzen und geschäftstüchtige Kaufleute erkannten vermutlich zuerst, wie nützlich es sein kann, wenn man zwar in der Provinz lebt, jedoch – die dortige Kultur mißachtend – die Sprache der Herrschenden und deren Sitten und Bräuche pflegt. Studiert man Jevers: Beamten Verzeichnis, der „fürstlich anhalt-zerbstischen“ Zeit, so findet man kaum einen Mann aus dem Jeverlande. Adelige Herrschaften aus Mitteldeutschland, Beamte aus Zerbst. Bald wurden dann jene Provinzbewohner, welche der Sprache, der Sitten und Bräuche der Leute aus der Stadt des Herrschers nicht mächtig waren, abfällig die rückständigen „Provinzler“ genannt.

Meines Erachtens wurde das, was zunächst Borniertheit der Halbwissenden war, in den Hauptstädten, wo die Einflußreichen saßen, abgelöst durch eine verhängnisvolle, Blut und Boden verherrlichende Heimattümelei, über der man vielleicht vergessen sollte, welche gesellschaftlichen Spannungen hinter dem Begriff „Provinz“ verschüttet liegen. So pflege ich die in unserer niederdeutschsprachigen Region anzutreffenden Ortsmundarten und deren Soziolehre bei dem Namen zu nennen, der die Problematik bezeichnet: Sprache der Betroffenen.

Und so fragte man mich eines Tages: „Wenn du von den ,Betroffenen‘ sprichst, wen meinst du da?“ Und ich erzählte ihm von den Arbeiteraufständen beim Bau der Deiche unseres Jeverlandes, in den Jahren 1698 und 1765, erzählte von den Demütigungen der sogenannten „geringen Leute“ durch Beamte des Fürsten, erklärte, daß man in der Geschichtsschreibung unserer Heimat die Arbeitskämpfe der „geringen Leute“ für bessere Arbeitsbedingungen und einen gerechteren Lohn verschwiegen habe, daß man Geschichte verfälscht habe, indem man diese Kämpfe bewußt verschwieg, denn zu jener Zeit sei Landgewinnung zum Nutzen der Fürsten und Könige mit dem Schweiß und dem kargen Leben der Arbeiter betrieben worden. Nachweislich. Ausbeutung des Landes und der Menschen in der Provinz. Und dann fragte ich: Ist das heute viel anders? Ist das heute viel besser geworden?