Liberale haben ein zwiespältiges Verhältnis zur Revolution: Der radikale Schnitt wird begrüßt, wo der Würgegriff der Tyrannei nicht mehr anders zu lösen ist. Aber die Revolution möge doch – bitte schön – dort anhalten, wo die alte Gewaltherrschaft nur durch eine neue ersetzt wird. Es ist ein hehrer Wunsch, der immer wieder an der revolutionären Praxis zerschellen muß.

So auch im Iran. Enteignungen? Sie trafen nur jene, die jahrelang das Volk ausgesaugt hatten. Todesurteile im Schnell-,,Verfahren“? Sie wurden doch an den Lakaien des Schah-Regimes vollstreckt, die zuvor gefoltert und gemordet hatten. Brutal manipulierte Wahlen zur Verfassungsversammlung? Der 3. August war eine schlimme Wende, aber nach 50 Jahren Diktatur braucht die Demokratie ihre Zeit...

Die Hoffnung der Gutgläubigen war umsonst: Die Revolution kennt wohl Gesetze, aber keine Grenzen. Sie muß sich weiterfressen, bis jegliche Gegenmacht erstickt ist – das ist ihr Hauptgesetz. Das just verkündete iranische Presse-„Recht“ darf also niemanden überraschen: Die Wahrheit ist eine fürchterliche Waffe, deshalb muß sie in den Händen der neuen Herrscher bleiben.

Regimekritische Zeitungen sind bereits geschlossen, mißliebige Journalisten längst verhaftet worden. Die Auslandspresse hielt den letzten Spalt offen, auch dieser wird nun von den Mullahs vernagelt: Der Korrespondent ist nicht nur für seine eigenen Artikel verantwortlich, er muß auch strafrechtlich für „falsche und verdrehte Texte“ geradestehen, die das Heimatblatt ohne sein Zutun veröffentlicht.

Der Journalist als Geisel: So weit ist weder der Schah noch ein Ostblock-Staat gegangen. Auch diese Revolution ist zur Tyrannei erstarrt, die den Keim der Gegengewalt in sich trägt.