Nach dem Abbau des Dirigismus blüht die Landwirtschaft auf

Während die Agrarpolitik der Europäischen Gemeinschaft zu Lasten des Verbrauchers von Jahr zu Jahr bürokratischer; wird, bemüht sich das kommunistische Ungarn heute um Entbürokratisierung der Landwirtschaft. Die. 1968 eingeleitete Wirtschaftsreform wurde außerordentlich konsequent durchgeführt. Den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften wird kein verbindliches Plansoll mehr vorgeschrieben; Es gibt keine Vorschriften mehr, welche Getreidearten angebaut werden müssen. Die Produktionsgenossenschaften können seit Beginn der siebziger Jahre weitgehend frei über Investitionen, den Absatz ihrer Erzeugnisse und die Verteilung des Gewinns entscheiden.

Zehn Jahre nach der Wirtschaftsform und weitgehendem Verzicht auf Dirigismus ist Ungarns Landwirtschaft einer der bestfunktionierenden Wirtschaftszweige des Landes, der heute etwa 22 Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigt. Etwa zwei Drittel der Agrarproduktion werden auf dem Inlandsmarkt abgesetzt, das restliche Drittel steht für den Export zur Verfügung.

Während in anderen RGW-Ländern, insbesondere in Polen und der Sowjetunion, chronische Versorgungsschwierigkeiten auftreten, obwohl es sich um ehemalige Überschußgebiete handelt, versorgt sich Ungarn inzwischen zu 90 Prozent selbst. Nicht einmal im Dürrejahr 1976 hatte es irgendwelche Versorgungsprobleme.

Der Export von hochwertigen Nahrungsmitteln ist heute eine sichere und ergiebige Devisenquelle. In den Jahren 1971 bis 1975 brachte der ungarische Obstexport mehr Devisen ein als die gesamte Investitionsgüterindustrie. Die landwirtschaftlichen Ausfuhren. tragen heute fast ein Viertel zum Gesamtexport bei. Einfuhren von Futtergetreide, die früher die Devisenbilanz stark belasteten, wurden seit 1971 nahezu, überflüssig. Das trug dazu bei, daß der Aktivsaldo im ungarischen Außenhandel sich seit dem Jahre 1970 verdoppelte.

Fast die Hälfte der ungarischen Agrarausfuhren geht derzeit in die Länder der Europäischen Gemeinschaft, und nur etwa 15 bis 18 Prozent werden in die kommunistischen RGW-Staaten exportiert. Diese erhalten vor allem die Produkte in großen Mengen, die sich auf den westlichen Märkten nur schwer unterbringen lassen. Insbesondere die Sowjetunion mit ihren chronischen Versorgungsschwierigkeiten ist bereit, so ziemlich alles abzunehmen, was die ungarische Landwirtschaft produziert. Die Bundesrepublik und Italien sind: in der Europäischen Gemeinschaft die wichtigsten Käufer ungarischer Agrarerzeugnisse. Die Bundesrepublik importiert vor allem Schlachtvieh, Fleischwaren und Fleischkonserven. Seit einiger Zeit liefert Ungarn auch verstärkt Nahrungsmittel in die USA und nach Japan.

Diese Erfolge, die bisher innerhalb des Ostblocks einmalig-blieben, sind zum Teil auf eine Konzentration und Spezialisierung der Produktion zurückzuführen. So ging seit 1960 die Zahl der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften durch Betriebszusammenlegungen um fast zwei Drittel zurück. Dadurch verdoppelte sich die Nutzfläche bei. den fast 1500 landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) auf durchschnittlich 3500 Hektar und bei den 150 Staatsgütern auf fast 7000 Hektar. Heute hat man sich in den meisten Betrieben auf ein oder zwei Tierarten oder Pflanzensorten konzentriert. Dabei sollen vor allem Arbeitskräfte eingespart und neue Techniken voll eingesetzt werden. Ungarn, seit Jahren mit einer der niedrigsten Geburtenraten der Welt, leidet heute in fast allen Bereichen seiner Wirtschaft unter einem beträchtlichen Mangel an Arbeitskräften.