ARD, Sonntag, 12. August: „Kaderschule der Jesuiten?“, von Peter Schier-Gribowsky

Ein wahres Paradies muß das sein, dieses Jesuiten-Kollegium Kalksburg in der Nähe von Wien. Adel und Arbeiterschaft, repräsentiert durch ihre junge Intelligenz, friedlich auf der Schulbank vereint! Toleranz im Raum der Politik – ein Abiturient erklärte freiweg, er sei mit einem Sozialisten (!) befreundet – und Toleranz auch im Bezirk der Religion: „Wir haben Mohammedaner und Evangelische“, meinte der Paterrektor von Kalksburg. Als Externe, wie sich versteht. Protestanten in einem Jesuiten-Schlafsaal, das wäre denn doch des Guten zuviel.

Ein Paradies tatsächlich: Drei Schulorchester, Schreibmaschinenunterricht in Quinta, von einer Dame erteilt; modernes Lehrpersonal also (der Film begann mit dem Porträt eines Paters; eben noch auf dem Motorrad und schon im Priesterhabit am Altar), viel Sport und Kunst – und was die Dormitorien mit den 40 Betten angeht, so sahen sich dergleichen Überbleibsel aus Zeiten, wo Habsburgs Elite in Kalksburg gedrillt wurde, durch den Hinweis erklärt, Konsumverzicht sei schließlich eine verdienstvolle Sache.

Ein Werbefilm also (mit ein paar kritischen Arabesken, die den filmischen Internatsprospekt um so glaubwürdiger machen). Die Kalksburger, deren Eltern bedeutet wurde, daß ihre Zöglinge, dank der Kameraderie der Altschüler, einmal ein gemachtes Bett vorfinden werden, dürfen beruhigt sein. Und die societas Jesu ebenfalls.

Darf sie es wirklich? Sollte sie nicht eher erstaunt sein über die Leichtfertigkeit, mit der man hier die Geschichte ausklammerte – eine Ordenspädagogik betreffend, die mit wechselnden Methoden das Leistungsprinzip in den Mittelpunkt stellte? Eine Rolle zu spielen, darauf kam’s an, zuerst im Jesuiten-Theater, dem Schauplatz grandios inszenierter Predigten, und dann im Theater der Welt.

Wie da heute gespielt wird, in Kalksburg, die Rollen einstudiert werden, und wie sich die Kunst der Argumentation und des gesellschaftlichen Sich-in-Szene-Setzens in einem Disput präsentiert, der leiser geführt wird als früher: darüber hätte der Zuschauer gern etwas erfahren.

Wie sieht der Lehrplan aus? Wie die im Film zitierte demokratische Selbstverwaltung? Eine Schülerzeitschrift in eigener Verantwortung? (Das Wort bei der Redaktionskonferenz führte ein Lehrer.) Mitbestimmung bei entscheidenden Problemen? Da schwieg des Sängers Höflichkeit. Statt präzise zu werden (welche Art von Strafen gibt es? Warum ist Koedukation kein Thema für eine Schule, die sich fortschrittlich gibt?), stellte der Autor den Schülern allgemein gehaltene Fragen (geht’s hier streng zu?) und zog am Ende mit einem Argument sein Fazit, das den Betrachter am Bildschirm aufseufzen ließ: Da macht nun einer einen Film über das Kalksburger Jesuiten-Kollegium und versteht dabei so wenig von jener Kunst überzeugender Beweisführung, die noch immer zu den Stärken der Ordenspädagogik gehört.