Warum ist die Erinnerung an den Krieg den Sowjetbürgern näher geblieben als uns? Weil die Partei patriotische Gefühle pflegt? Weil die Völker der UdSSR mit 20 Millionen Toten den furchtbarsten Preis für die Verteidigung ihrer Heimat entrichten mußten? Weil der Krieg trotz aller Schrecken eine Wiedergeburt menschlicher Solidarität brachte, die Stalins Feldzug gegen die eigenen Völker zuvor zerrissen hatte?

Den Antworten näher bringt ein Band sowjetischer Kriegsphotographen mit Bilddokumenten, die oft buchstäblich beim Laufen, Liegen, Schießen entstanden. Neben den weltbekannten Photographien, wie Baltermants’ Leid, Max Alpterts Regimentskommandeur und Khaldeis Sieg (vom Berliner Reichstag), setzen im Westen unveröffentlichte Bilder den Unbekannten und den Schuldlosen ein Denkmal. Darunter Boris Kudoyarows Aufnahmen aus den 900 Tagen der Belagerung Leningrads, als der Anblick eines Toten alltäglicher war als der einer Scheibe Brot.

Der Band ist zuerst in der CSSR erschienen und nicht in Moskau. Enthält die Summe dieser Bilder, in denen nicht Patriotismus und Heldentum, sondern Zerstörung und Leid die Motive sind, eine allzu pazifistische Botschaft für den sowjetischen Armeeverlag? Die sowjetischen Kriegsphotographen jedenfalls haben – trotz ihrer Aufgabe, auch zu Optimismus und zum Durchhalten anzuspornen – Blicke in den Abgrund des Krieges vermittelt wie ihre großen westlichen Kollegen Capa und Eisenstadt, Cartier-Bresson und D. D. Duncan. Der deutschen Ausgabe hätte man ein günstigeres Format und ein großzügigeres Layout gewünscht. (Von Moskau nach Berlin – Der Krieg im Osten 1941–45, gesehen von russischen Photographen; herausgegeben von D. Mrázková und V. Remes; Stalling Verlag, Oldenburg und München, 1979; 160 S., 36,80 DM) csh