Meine zwölfjährige Nichte möchte per Bahn zu ihrer Tante nach Heidelberg fahren. Das Reisebüro empfiehlt eine recht günstige Verbindung vom nahegelegenen Altenbeken nach Frankfurt mit Kurswagen nach Heidelberg. Gutgelaunt bringe ich sie zum Bahnhof, dort bringt ein Blick auf den Fahrplan eine erste Überraschung: Der Kurswagen nach Stuttgart via Heidelberg ist ausgestrichen. Meine Frage am Fahrkartenschalter, ob die Kurswagenverbindung noch existiere, wird bejaht.

Als ich ihn auf die Streichung im Fahrplan direkt neben seinem Schalter aufmerksam mache, wird er ratlos. Ich muß ihn mit Nachdruck darum bitten, Auskunft einzuholen. Das Telephon vermeldet: Der Kurswagen fährt. Erleichtert kaufe ich die Fahrkarte und schlendere mit meiner Nichte auf den Bahnsteig. Nur ein winziger Rest an Zweifel läßt mich dort den Informationsbeamten nach dem Kurswagen fragen. Antwort: Man habe gestern eine telephonische Nachricht aus Frankfurt bekommen, daß der Kurswagen gestrichen sei; es existiere aber in Frankfurt nach einem Aufenthalt von 15 Minuten eine praktisch nahtlose Verbindung nach Heidelberg. Ich bespreche mit dem Kind eilends das Umsteigemanöver. Der Zug läßt auf sich warten. Wir erkundigen uns nun, ob denn bei einer derartigen Verspätung der Anschluß in Frankfurt gesichert sei. Der Beamte beruhigt uns: Der Zug würde einen Teil der Verspätung aufholen und der Anschlußzug warte etwa zehn Minuten.

Schließlich läuft der Zug ein, meine Nichte verstaut ihr Gepäck. Noch einmal sprechen wir das Umsteigemanöver durch, Abschiedsworte. Plötzlich ein Rangierarbeiter im Vorübergehen: ganz vorne laufe der Kurswagen nach Heidelberg. Ich stürze nach vorne und sehe zwei Wagen mit Schildern, die Stuttgart über Heidelberg anzeigen. Dann zum Schaffner: Was, wieso, warum? Der Schaffner: Die Beschilderung stimme nicht, man habe nur keine anderen Schilder.

Ein zweitesmal kommt der Rangierarbeiter vorbei: Die beiden letzten Wagen – meine Nichte sitzt im letzten – würden in Kassel abgehängt (an den Wagen nicht der geringste Hinweis darauf) – dann explodiere ich. Während ich zum Türgriff greife, um das Kind diesem Chaos zu entreißen, gibt der Stationsvorsteher das Zeichen zur Abfahrt und droht mir mit der Bahnpolizei, falls ich nicht von der Tür ließe. Der Zug fährt ab, am Fenster ein weinendes Kind.

Meine Nichte hat den Anschlußzug in Frankfurt nicht erreicht. Das konnte sie auch gar nicht, denn, wie ich erfahren habe, wurde der Kurswagen gestrichen, weil er den Anschluß in er Regel nicht erreicht hat. G. L.