Unglaubliches ist geschehen. Zum erstenmal hat ein Staat die UN-Konvention „über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ ernst genommen und angewandt: Das Revolutionäre Volkstribunal in Phnom Penh verurteilte die flüchtigen einstigen Machthaber von Kambodscha, Pol Pot und leng Sary, zum Tode, weil sie während ihrer vierjährigen Herrschaft rund drei Millionen ihrer Landsleute systematisch liquidiert haben – drei von acht Millionen.

Seit Nürnberg war kein Genozid mehr geahndet worden, weder der Massenmord in Indonesien noch der Hungertod in Biafra oder das B-52- und Spraydosengemetzel im indochinesischen Dschungel. Das einsame Beispiel von Phnom Penh setzt dennoch keine erhebenden Gefühle frei. Die da Recht sprachen, handelten als Marionetten einer fremden Invasionsmacht. Die Ironie des Zufalls wollte es, daß zur gleichen Zeit ein geflohener kambodschanischer Prinz die Vietnamesen beschuldigte, sie wollten das restliche Volk der Khmer auslöschen.

Und was wird den Chinesen in Vietnam angetan? Völkermord auf hoher See. Oder den Kurden unter Chomeini? Völkermord in den wilden Bergen. Und müßte nicht Paraguay den Ex-Diktator Somoza ausliefern, der die Slums seiner eigenen Hauptstadt bombardieren ließ? Die Konvention von 1948 ist edel, hilfreich und gut; ihre Väter versäumten nur eines – Sanktionen vorzusehen. Mangels Weltpolizei und Welttribunal bleiben die Völker auf illusionäre Selbsthilfe verwiesen. Solange die Vereinten Nationen mit diesem hehren Selbstbetrug weiterleben, wird die Menschheit ein ums andermal in die Barbarei zurückfallen. kj.