Von Joachim Nawrocki

Was macht ein Verkäufer von Industrieanlagen, wenn die Sowjetunion eine Fabrik für Brillengestelle kaufen möchte, mit der offenbar gleich mehrere Unionsrepubliken versorgt werden sollen? Zunächst stellt er fest, daß es vergleichbare Fabriken im westlichen Europa nicht gibt. Hier fertigen Dutzende von mittleren Herstellern die verschiedensten Brillengestelle aus den unterschiedlichsten Materialien.

Die Maschinen zur Fertigung von Brillen aus Kunststoff, Horn oder Metall sind Einzelanfertigungen; es gibt keinen Hersteller, der Apparaturen zur Produktion von Brillen in Serie fertigt. Die Sowjets aber haben offenbar einen entsprechenden Bedarf. Russen, die anscheinend wochenlang auf der Suche nach ansprechenden Sehhilfen durch Moskau gelaufen sind, bestätigen spontan, daß eine solche Fabrik eine gute Sache wäre.

Also muß nicht nur eine Brillenfabrik vollkommen neu geplant und entworfen werden. Es müssen auch Techniken der Massenproduktion entwickelt werden. Dafür braucht man nicht nur einen geeigneten Maschinenproduzenten, sondern auch Ingenieure mit dem nötigen technischen Wissen. Je schwieriger eine solche Aufgabe ist, um so interessanter wird sie für die BC Berlin Consult GmbH, die in den elf Jahren ihres Bestehens schon Fabriken für rund 1,3 Milliarden Mark, schlüsselfertig aufgebaut hat, und zwar überwiegend in Ostblockländern.

Zwar ist die Brillenfabrik noch gar nicht bestellt. Sie ist eines von vielen Projekten im Gesamtwert von 2,5 Milliarden Mark, über die die Berlin Consult derzeit verhandelt. Aber bei solchen Sonderprojekten, sagt Geschäftsführer Dieter Borrmann, ist die Konkurrenz weniger lästig als etwa bei Infrastrukturbauten im Nahen Osten, wo Billiganbieter aus Südkorea oder Taiwan mit kompletten Niedriglohn-Teams bis zum letzten Hilfsarbeiter anrücken. Die Fabriken, die die Berlin Consult bisher gebaut hat, waren maßgeschneiderte Anlagen. Eine erste Ausnahme bahnt sich jetzt an: Die Sowjetunion ist an einer Containerfabrik interessiert, wie sie BC schon einmal dort gebaut hat.

Die Berlin Consult GmbH ist eine Erfindung des früheren Berliner Wirtschaftssenators Karl König, der in diesem Frühjahr gestorben ist. Das Unternehmen, an dem das Land Berlin und das Institut für Strukturforschung und Planung GmbH in Bad Homburg – eine private Consulting-Firma – zu gleichen Teilen beteiligt sind, begann mit einem Stammkapital von 20 000 Mark und fünf Mitarbeitern. Heute sind knapp 200 Leute bei der Berlin Consult beschäftigt, davon rund zwei Drittel Ingenieure und Kaufleute mit Hoch- oder Fachschulabschluß.

Die Personalkosten summieren sich auf zehn Millionen Mark im Jahr. Das Stammkapital wurde aus erwirtschafteten Überschüssen auf jetzt zwölf Millionen Mark erhöht; die freien Rücklagen betragen 5,5 Millionen Mark. Nach drei Anlaufjahren hat die Berlin Consult immer Gewinn gemacht, sagt Borrmann. Und die Gesellschafter können über die ausgeschütteten Erträge nicht klagen. Das Land Berlin weist aus den letzten beiden Geschäftsjahren Gewinneinnahmen von je rund 2,5 Millionen Mark aus.