Wohl kein Gesetz mit Ausnahme der Straßenverkehrsordnung wird in Belgien so häufig übertreten wie das Vandervelde-Gesetz. Dieses mittlerweile vor ziemlich genau sechzig Jahren und nach seinem Initiator, dem damaligen Justizminister und Führer der belgischen Sozialisten, Emile Vandervelde, benannte Gesetz vom 29. August 1919 verbietet noch heute den Ausschank hochprozentiger alkoholischer Getränke in öffentlich zugänglichen Kneipen, Gaststätten, Restaurants und Bars. Nur in sogenannten privaten Klubs kann der Gast sich legal ein Schnäpschen hinter die Binde gießen. Einzelhändler und Supermärkte sind nach den Paragraphen noch immer verpflichtet, Spirituosen nur in Zwei-Liter-Flaschen zu verkaufen.

Doch über diesen Teil des belgischen Prohibitionsgesetzes ist die Wirklichkeit des Handels mit den 0,7-Liter-Einheits-Flaschen schon lange hinweggegangen. Nun will die Regierung das Vandervelde-Gesetz ganz abschaffen – zur Erleichterung vieler fröhlicher Zecher, aber auch zum Verdruß der unentwegten Minderheit, die in all den Jahren vergeblich gegen die Verwässerung der Prohibition eingetreten war.

Dabei stellte schon das 1919 erlassene Gesetz gegenüber dem strikten Alkoholverbot, das vier Tage nach dem Waffenstillstand des ersten Weltkrieges am 15. November 1918 ergangen war, nur eine verdünnte Kompromißlösung dar. Wer nämlich reich genug war, um sich die Mitgliedschaft in einem Privatklub leisten zu können, brauchte auf Korn und Cognac nicht zu verzichten. Wer arm war, dem sollte der Suff verwehrt werden.

Wahre Schnapsfreunde fanden recht leicht Mittel und Wege, die Prohibitionsbestimmungen zu umgehen. Die Mindestmenge von zwei Litern, die wegen des hohen Preises und mit der drastischen Alkoholsteuer abschreckend wirken sollte, konnten zwei, drei arme Teufel durchaus zusammen erstehen und dann die Flasche in der Runde kreisen lassen. Und da die „öffentlich zugänglichen Orte“ vom Gesetzgeber nicht so genau bestimmt waren, boten sich in den Hinterstuben von Friseursalons, Gärtnereien, Gewürzhandlungen und Tabakläden bald die Saufgelegenheiten, die der puritanische Arbeiterführer Vandervelde zum Wohle der Arbeiter unterbinden wollte.

Dennoch war das Gesetz für Belgien eine segensreiche Angelegenheit. Denn unter der Industriearbeiterschaft Flanderns und Walloniens ging der Alkoholismus zu Beginn dieses Jahrhunderts um wie eine Seuche. Wenn Zahltag war, fielen die Arbeiter in Heerscharen in die Schnapskneipen vor den Fabriktoren ein und hauten ihren kargen Wochenlohn auf den Kopf. In manchen Lohnbüros gab es einen Teil der Auszahlung gleich in flüssiger Form. Da konnten sich die Arbeiter sogar den Weg um die Ecke sparen. Die Ausfallzeiten in den Betrieben waren enorm. An Montagen machte meist bis zu einem Drittel der Belegschaft blau.

Schon wenige Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes hatte sich die Lage bedeutend gebessert: Der Konsum von Hochprozentigem ging rasch zurück, die Zahl der illegalen Brennereien wurde kleiner, und die Fälle von akutem Alkoholismus nahmen ab. Heute gibt es in Belgien relativ weniger Alkoholkranke als in Frankreich.

Und das, obwohl sich heute keiner mehr in irgendwelchen Hinterräumen zu verstecken braucht, um in geselliger Runde ein Schnäpschen zu heben. Denn auch die belgischen Arbeiter können es sich heute leisten, Mitglied in einem Privatklub zu werden. Außerdem befördern die Portiers der Hotelbars jeden Ankömmling automatisch zum Vereinsmitglied. Und kaum ein Kneipenwirt zögert noch, die Flasche mit dem „petit blanc“ hervorzuholen, wenn er sicher ist, daß keine Schnüffler vom Finanzamt sich unter die Gäste am Tresen gemischt haben.