Von Michail Woslenskij

Im totalitären „englischen Sozialismus“ (Engsoz), den George Orwell in seinem Roman „1984“ beschreibt, gibt es das „Wahrheitsministerium“. Seine Aufgabe ist es, die politisch unbequem gewordenen Publikationen aus allen Bibliotheken systematisch zu entfernen und sie durch „richtiggestellte“ Nachdrucke zu ersetzen. Die Sowjetunion hat Orwells Entwurf zur Säuberung von Büchereien vorfristig und kostensparender in die Wirklichkeit umgesetzt; genau gesagt am 18. Juli 1978 mit der-Verordnung Nr. 521 des Kulturministeriums. Dort heißt es:

„Der Bibliotheksbestand soll aus Druckerzeugnissen und Materialien zusammengesetzt sein, die in ideologischer und wissenschaftlicher, produktionsmäßiger, informativer und künstlerischer Hinsicht wertvoll sind. Sie müssen der aktiven Propaganda der Politik der KPdSU und des Sowjetstaates, der kommunistischen Erziehung und Bildung der Sowjetmenschen, der Steigerung ihres beruflichen und kulturellen Niveaus und dem Tempo des wissenschaftlich-technischen Fortschritts förderlich sein. Eine ständige Überprüfung von Bibliotheksbeständen, rechtzeitiger Aussonderung der inhaltlich veralteten oder abgenutzten Publikationen sowie ihre rasche Entfernung ist für alle Bibliotheken obligatorisch.“

Wie verbindlich dieses Instruktion ist, wird daraus ersichtlich, daß sie mit höchsten wissenschaftlichen Gremien koordiniert wurde. Neben der Unterschrift des sowjetischen Kulturministers P. N. Demitschew, einem Kandidaten des Politbüros, trägt das Dokument den Vermerk: „Abgestimmt mit dem Staatskomitee der Sowjetunion für Wissenschaft und Technik, dem Ministerium für Hoch- und Fachschulbildung, dem Gesundheitsministerium, dem Landwirtschaftsministerium und dem Präsidium der Akademie der Wissenschaft.“

Was muß heute, nach Inkrafttreten dieser Verordnung, „rasch“ aus den sowjetischen Bibliotheken entfernt werden? „Als inhaltlich veraltet“, so heißt es, „gelten Publikationen und Materialien, die ihre politische Aktualität, ihren wissenschaftlichen und produktionsmäßigen Wert verloren haben.“ In zwanzig Punkten wird präzise aufgelistet, wann die einzelnen Veröffentlichungen als wertlos zu gelten haben. Zu entfernen ist zum Beispiel „die populärwissenschaftliche Literatur über ökonomische Probleme der Industrie und der Volkswirtschaft der Sowjetunion insgesamt, die vor dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU im September 1965 erschienen ist“.

Der Literatur über die Landwirtschaft wird ein anderes Vernichtungsdatum gesetzt: das Plenum des Zentralkomitees vom März 1965. Dieser Stichtag bietet sich an: Im Oktober 1964 wurde Chruschtschow gestürzt. Aber gereinigt wird auch die Frühphase der Breschnjew-Ära, so die „Literatur über Philosophie, Psychologie, Atheismus, die vor den siebziger Jahren erschienen ist“. Bücher und sogar Nachschlagwerke (!) „über die Außenpolitik der Sowjetunion und die internationale Lage“, die vor dem Jahrgang 1971 gedruckt wurden, werden ausnahmslos eingezogen.

Die gleiche Frist ist allen Werken „über den wissenschaftlichen Kommunismus“ gesetzt, der gerade im Jahre 1971 auf eine hundertdreißigjährige Geschichte zurückblicken konnte. Fast wundert es da schon, daß die Klassiker des Marxismus-Leninismus, die ja für die Parteibürokratie nicht ungefährlich sind, vor der Auslöschung gerettet werden. Ein Sonderabsatz bewahrt sie und die Werke der sow jetischen Führer davor, gleich mitverfeuert zu werden. Auch bei den Gesetzestexten und den Tagungsprotokollen der leitenden Organe des Staates wird eine Ausnahme gemacht. Dagegen haben die „Probleme der kommunistischen Weltbewegung“, die vor 1969 zu Papier gebracht wurden, aus den Büchereien zu verschwinden.