Die Lage des drittgrößte amerikanischen Automobilherstellers wird immer schwieriger. Nun soll Washington in die Bresche springen

Von Jes Rau

Durst nach Rache – das ist kein Begriff, der in Geschäftsberichten von Konzernen auftaucht. Und doch stellt dieser menschliche, allzu menschliche Beweggrund einen gewichtigen – wenn auch nicht ausgewiesenen – Posten in der Bilanz des amerikanischen Chrysler-Konzerns dar, eine stille Reserve sozusagen, oder unverbuchte Verbindlichkeiten, je nachdem.

Die Rede ist von Lee A. Iacocca und von dem, was den derzeitigen Chrysler-Generaldirektor antreibt, anstachelt, „what makes him run“, wie die Amerikaner sagen. Die Rede ist von der Besessenheit dieses Mannes, es Henry Ford „heimzuzahlen“, diesem die Quittung dafür zu geben, daß er ihn, Lee Iacocca, den einstigen Kronprinzen im Ford-Empire, im vergangenen Jahr erst degradierte und dann kurzerhand feuerte.

Nach dem abrupten Ende seiner Karriere als Generaldirektor (President) bei Ford ließ sich Iacocca von Chrysler anheuern. Er nahm dort den Platz von Eugene Cafiero ein, der vor kurzem das Unternehmen verlassen hat. Ende dieses Jahres ist vorgesehen, daß er die Rolle des „Chief Executive“ übernimmt, die bislang von Chairman John Riccardo mehr oder minder ausgefüllt wird. Damit erreicht Iacocca bei Chrysler das, was ihm bei Ford verwehrt wurde: Er wird der Boß. Der unumschränkte Chef des drittgrößten amerikanischen Autokonzerns bzw. des drittkleinsten US-Autoherstellers (vor American Motors und VW), wie sich manche Branchenbeobachter inzwischen sarkastisch ausdrücken.

Möglicherweise wird Iacocco aber auch nur der alleroberste Chef eines schon dem Bankrott geweihten Unternehmens. Denn die Dinge sehen derzeit nicht gut aus bei Chrysler: 201 Millionen Dollar Verlust innerhalb von sechs Monaten, 90 000 unverkaufte Chrysler-Mobile auf den Firmenplätzen und in der vergangenen Woche Entlassungen von 27 000 Autoarbeitern.

Ob es Iacocca bei seinem Eintritt in das Unternehmen klar war, wie wenig sich Chrysler eignet als Vehikel für einen Sturmangriff auf Ford und dessen Marktanteil? Wenn ja, dann ließ er sich davon nichts anmerken. Seine ersten Aktionen schienen vor allem darauf abzuzielen, Henry Ford den Schlaf zu rauben: Da wanderten plötzlich reihenweise Ford-Manager ab und rückten in die Schlüsselstellungen von Chrysler. Da kündigte eine Werbeagentur ihre langjährigen Dienste für Ford auf und ließ sich von Iacocca als Überläufer zu Chrysler feiern. Da bejubelte die amerikanische Presse Iacocca als Unternehmensgenie der Autoindustrie. („Was General Patton für die Armee war, ist Iacocca für den Autobau“, formulierte erst kürzlich ein enthusiastischer Magazin-Schreiber).