In den alten Zeiten hatten es die Menschen gut: Sie hatten ein Schicksal. Was immer passierte, es war Schicksal, Los, Vorbestimmung, Fatum, Kismet. Die antike Literatur und auch die alte orientalische Literatur war damit beschäftigt, dem Menschen zu beweisen, daß er seinem Schicksal nicht entrinnen kann. Stand es in den Sternen, so wurde er König oder ermordete seinen Vater oder heiratete die schönste Frau der Welt.

Die Schicksal-Theorie war natürlich ein frommer Betrug, wie alle gesellschaftlichen Theorien. Sie war ein Mittel gegen Rebellion, gegen Auflehnung, sie befahl dem Menschen, sich in sein Schicksal zu fügen, egal, welches Los ihm zuteil wurde. Sie war für beide Seiten bequem, denn sie nahm dem Menschen die Verantwortung ab für alles, was er tat, und für alles, was er versäumte.

Die Neuzeit brachte den Aufstand des Menschen – des einzelnen und ganzer Gruppen – gegen sein vorgegebenes Schicksal. „Neuzeit“ ist für mich kein kalendarischer Begriff. Sie beginnt immer dann, wenn Menschen versuchen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen – und endet, wenn sie es aufgeben, oder zum Aufgeben gezwungen werden.

Statt „Schicksal“ haben wir heute das zweideutige Wort „Geschick“. Man sagt uns, es hängt von unserem Geschick ab, wie sich unser Geschick gestaltet. Die Theorie, daß jeder seines Glückes Schmied ist, ist im gleichen Maße Betrug, wie die Schicksal-Theorie und dient auf dialektische Weise dem gleichen Zweck. Sie fordert zwar andere Eigenschaften, weil persönlicher Einsatz produktiver und für die Gesellschaft nützlicher ist als purer Gehorsam und Schicksalsfügung.

Die Mächte aber, die über unser Schicksal ohne uns bestimmen, sind nicht geringer geworden. Es sind jetzt weniger die Götter und weniger die Naturkräfte – daß wir aber von menschlichen Mächten abhängig sind, erleichtert unser Los nicht, und macht es uns nicht leichter, unsere Geschicke selbst zu gestalten.

Selbst in der Antike glaubten die Mächtigen, daß ihre Siege ihr persönlicher Verdienst seien. Sie glaubten an die Macht des Schicksals nur dann, wenn sie ihr eine von ihnen selbst verschuldete Katastrophe in die Schuhe schieben wollten. Für Erfolgreiche ist es überhaupt gleichgültig, auf welche Theorie sie sich berufen – auf das Los oder auf persönliches Verdienst. Beide bestätigen, daß sie das Erreichte zu Recht erreicht haben.

Systeme, denen der Gehorsam der Bürger wichtiger ist als deren Initiative, propagieren zwar verbal neuzeitliches Denken, führen jedoch die Schicksal-Theorie durch die Hintertür ein, indem sie den Staat, die Partei oder einen Führer zum Schicksalsgott ernennen.